Newsletter Nr. 02/2020

Frau sitzt am Laptop

Antihypertensiva-Ranking: Ein vor Kurzem veröffentlichter systematischer Review zeigt, dass ACE-Hemmer, Dihydropyridin-Calciumkanalblocker, Thiaziddiuretika, Betablocker und Angiotensin-Rezeptorblocker in Studien mit Hypertonie-Patienten unterschiedlich gut wirksam waren. In welchen Endpunkten sich welche Wirksamkeit gezeigt hat und auf welche Patienten diese Ergebnisse übertragen werden können, lesen Sie in unserem Blog.

Medikationsmanagement ist kosteneffektiv: In regelmäßigen 5-8-Jahres-Abständen werden systematische Reviews zur Kosteneffektivität klinisch-pharmazeutischer Dienstleistungen im Bereich des Medikationsmanagements veröffentlicht. Der aktuelle Überblick über die Jahre 2011 bis 2017 ist gerade erschienen. Wir haben für Sie zusammengestellt, welche pharmakoökonomischen Effekte die Autoren für das Medikationsmanagement gefunden und besonders hervorgehoben haben.

Masken und Handschuhe: Ist doch völlig logisch, dass eine Mund-Nasen-Bedeckung und Handschuhe besser gegen eine Ansteckung mit COVID19 sind als nichts, sagen die einen. MNB und Handschuhe schützen nicht vor Ansteckung, sagen die anderen. Und beide haben recht. Wie das sein kann, erklären wir auf der Website. Und auch, wie erfolgreich MNB Viren beim Husten zurückhalten.

Lancet Voice: The Lancet („Die Lanzette“) informiert seit fast 200 Jahren über neue Entwicklungen in der Medizin. Mit „The Lancet Voice“ sind die Informationen nicht nur les-, sondern auch hörbar. In 14-tägigen Podcast diskutieren Redakteure mit Experten über verschiedene medizinische Themen. Eine Übersicht, welche für uns ApothekerInnen spannenden Themen dort zur Zeit abrufbar sind, finden Sie auf unserer Website.

Wege aus dem Analgetika-Kopfschmerz: Analgetika-Kopfschmerz entsteht durch regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln gegen Kopfschmerz oder Migräne und betrifft in Europa etwa 1–2% der Bevölkerung. In Deutschland sind das mehr als 1 Million Menschen. Die ‚European Academy of Neurology‘ hat im April eine Leitlinie herausgegeben, die darlegt, wie den Betroffenen geholfen werden sollte. Wir haben die Empfehlungen für Sie zusammengestellt.

Webinare ersetzen Präsenz: Fortbildung ist wichtig und sollte nicht ausfallen, auch nicht in ungewöhnlichen Zeiten. Wir freuen uns darum, dass wir unsere Online-Kompetenz und -Technik im Rahmen unserer Netzwerkpartnerschaft mit der Apothekerkammer Hamburg einsetzen können, um die Abendvorträge aufzufangen. Bis Präsenzfortbildungen wieder stattfinden dürfen, laden wir die Hamburger Apothekerinnen und Apotheker sowie PTA und die bereits eingeplanten Referentinnen und Referenten zu uns in den Webinarraum ein. Das Angebot erfreut sich großer – und noch steigender – Beliebtheit.

Das nächste moderierte Online-Seminar:Medizinische Literaturrecherche und Arzneimittelinformation“ läuft wieder vom 03. bis 30. September. Orts- und zeitflexibel, praxisorientiert und industrieunabhängig. Die Akkreditierung in der Weiterbildung ist beantragt. Melden Sie sich an.

Allen Kolleginnen und Kollegen wünschen wir eine unbeschwerte und erholsame Ferienzeit. Bleiben Sie gesund!

Jasmin Hamadeh ——Dr. Dorothee Dartsch
(Mediendidaktik)-__—-(Klinische Pharmazie)
mit dem Campus-Team

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Blutdruck: Kommt die Untergrenze?

Die aktuell veröffentlichte sekundäre Auswertung [1] zweier großer Studien zu Herzkreislauferkrankungen – ONTARGET [2] und TRANSCEND [3] – kommt zu dem Schluss, dass es für den Blutdruck ein Optimum gibt, oder anders ausgedrückt: dass es falsch wäre zu sagen, je niedriger der Blutdruck, desto besser.

Beide Studien untersuchten den Einsatz von ACE-Hemmern bzw. Angiotensin-Rezeptorblockern (oder die Kombination, von der aufgrund der darunter aufgetretenen  höheren Mortalität seither abgeraten wird) und umfassten zusammen knapp 31.000 Patienten.

Ergebnisse

Bei den 4.052 Patienten, bei denen die Therapie den systolischen Druck auf Werte unter 120 mmHg senkte, war das Risiko sowohl für das Eintreten des zusammengesetzten kardiovaskulären Endpunkt als auch für herzkreislaufbedingte Todesfälle als auch für jegliche Todesfälle erhöht: Im Vergleich zu den Patienten, deren Blutdruck auf 120-140 mmHg eingestellt wurde, um Faktoren zwischen 1,14 und 1,3 (ausgedrückt als ‚adjusted hazard ratio‘, alle Grenzen der Konfidenzintervalle lagen oberhalb von ‚1‘; die Unterschiede gelten somit als signifikant). Das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder herzinsuffizienz-bedingte Krankenhauseinweisung war durch den niedrigen systolischen Blutdruck unverändert.

Anders sah es für den diastolischen Blutdruck aus: Mittlere Werte unter 70 mm Hg hatten nicht ’nur‘ ein erhöhtes Risiko für das Eintreten des zusammengesetzten kardiovaskulären Endpunktes und jeglicher Todesursache, sondern auch für Herzinfarkt und herzinsuffizienzbedingte Krankenhauseinweisung zur Folge,  und zwar um Faktoren zwischen 1,2 und 1,6 (auch hier lagen alle Konfidenzintervall-Grenzen oberhalb der ‚1‘).

Fazit für die Praxis

Als Blutdruck-Optimum geht aus der Auswertung hervor: 130/75 mmHg. Wenn prospektive randomisierte klinische Studien dieses Ergebnis betätigen, werden sich diese Richtwerte sicher irgendwann in den Leitlinien wiederfinden.

Quellen

[1] M Böhm et al.: Achieved blood pressure and cardiovascular outcomes in high-risk patients: results from ONTARGET and TRANSCEND trials. Lancet. 2017 Apr 5. pii: S0140-6736(17)30754-7

[2] The ONTARGET Investigators: Telmisartan, Ramipril, or Both in Patients at High Risk for Vascular Events. N Engl J Med. 2008; 358(15):1547-59

[3] The TRANSCEND Investigators: Effects of the angiotensin-receptor blocker telmisartan on cardiovascular events in highrisk patients intolerant to angiotensin-converting enzyme inhibitors: a randomised controlled trial. Lancet. 2008; 372(9644):1174-83

Bildnachweis: © iktash2 / Fotolia.com

Muss: ACE-Hemmer bei hypertonen Diabetikern

Ein systematischer Review[ 1] von 63 Studien mit insgesamt 36.917 Teilnehmern ergab, dass unter 11 verschiedenen antihypertensiven Strategien (inkl. Placebo) bei Gabe von ACE-Hemmern (ACEI) eine Verdopplung des Serumkreatinins signifikant seltener war als unter Placebo oder Betablockern. Hinsichtlich AT-Rezeptorblockern (ARB) gab es keinen Unterschied.

Die Kombination aus ACEI und Diuretika war hinsichtlich der Verdopplung des Serumkreatinins die Strategie mit dem durchschnittlich schlechtesten Outcome.

Hinsichtlich der Verhütung von terminalem Nierenversagen gab es keine signifikanten Unterschiede, sondern nur die Tendenz, dass ACEI und ARB mit einem besseren und ACEI + Diuretika mit einem schlechteren durchschnittlichen Outcome verbunden waren als andere Optionen.

Da die Patienten in der ACEI + Diuretika-Gruppe allerdings vermutlich diejenigen mit bereits eingeschränkter Nierenfunktion waren, wäre es voreilig, die Diuretika für den Anstieg des Serumskreatinins oder die größere Häufigkeit des terminalen Nierenversagens verantwortlich zu machen.

Hinsichtlich der Mortalität hatten ACEI + Calciumkanal-Blocker das beste durchschnittliche Outcome, gefolgt von ACEI + Diuretika, ACEI mono, Calciumkanal-Blocker mono und ARB. Alle diese Strategien waren nicht signifikant unterschiedlich. Unter Diuretika und Betablockern jeweils mono war die Mortalität tendenziell erhöht, stärker noch bei Kombinationen von ARB mit Calciumkanal-Blockern, Diuretika oder ACEI.

Auch hier gilt: Die Studiengruppen könnten unterschiedlich gewesen sein. Betablocker beispielsweise werden wegen des Risikos maskierter Hypoglykämien und Beeinträchtigung der glykämischen Stoffwechselkontrolle bei Diabetikern verhalten eingesetzt. Die Patienten unter Betablockertherapie könnten also diejenigen mit schlechter kontrollierbarem Blutdruck und höherem Risiko gewesen sein.

Die Studie ist spannend, weil sie eine so große Zahl von Patienten umfasst und eine spezielle Methodik verwendet, die einen Vergleich von Strategien ermöglicht, die in Studien nicht direkt nebeneinander untersucht wurden.

Ihre Schwäche ist allerdings, dass die erzielte Blutdrucksenkung in den unterschiedlichen Gruppen nicht mit untersucht wurde, obwohl sie ein relevanter Faktor für Nephropathie und Mortalität ist. Ebenso wenig wurden andere Risikofaktoren berücksichtigt, wie Schwere der kardiologischen Erkrankung, Alter oder Bias der eingeschlossenen Studien. Angesichts der Komplexität wäre das kaum möglich gewesen. Jedoch lässt sich nun, wie oben erwähnt, nicht ausschließen, dass die Vergleichsgruppen unterschiedlich gewesen sein könnten, z.B. Patienten mit Niereninsuffizienz in den Diuretika- oder Patienten mit schlechter kontrollierbarem Blutdruck in der Betablockergruppe.

Als gesichert und durch diese Studie bestätigt kann wohl als gesichert gelten, dass hypertone Diabetiker vorzugsweise mit ACE-Hemmern behandelt werden sollten.

[1] Wu HY et al.: Comparative effectiveness of renin-angiotensin system blockers and other antihypertensive drugs in patients with diabetes: systematic review and bayesian network meta-analysis. BMJ 2013;347:f6008 doi: 10.1136/bmj.f6008 (veröffentlicht am 24. Oktober 2013)