Bei Patienten mit Entlassrezept lieber eine Medikationsanalyse machen

Bei einem Fünftel aller Patienten, die kurz nach Entlassung aus dem Krankenhaus erneut aufgenommen werden müssen, ist die Arzneimitteltherapie schuld daran. Knapp 70% dieser arzneimittelbezogenen Wiederaufnahmen wären vermeidbar gewesen.

Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Übersichtsarbeit [1], die einzelne Studien zu dieser Fragestellung systematisch ausgewertet hat.

Als vermeidbare arzneimittelbedingte Wiederaufnahmen galten neben Medikationsfehlern  alle erkennbaren arzneimittelbezogenen Probleme, z.B. auch die Nicht-Beachtung einer bekannten Allergie oder die unterlassene Anpassung der Dosis an eine reduzierte Nierenfunktion.

Diese Zahlen lassen vermuten, dass Patienten, die nach einem Klinikaufenthalt z.B. mit einem Entlassrezept in die Apotheke kommen, besonders von einer umfassenden Medikationsanalyse profitieren könnten. Profitieren kann ebenfalls das Gesundheitssystem, weil ein vermiedener Krankenhausaufenthalt erhebliche Kosteneinsparungen bedeutet.

Als Risikofaktoren wurden in der Arbeit identifiziert: Krebserkrankung, ein hoher Co-Morbiditätsindex und verschiedene Wirkstoffklassen. Hier ganz vorne dabei: Antibiotika, Diuretika, Vitamin K-Antagonisten und Opioide. Außerdem wurden vermehrt durch Antidiabetika, Krebstherapeutika, Antihypertensiva, Digitalis, Kortikosteriode und Psychopharmaka ausgelöste Wiederaufnahmen berichtet.

Quelle

N El Morabet et al.: Prevalence and Preventability of Drug-Related Hospital Readmissions: A Systematic Review. JAGS2018; 66:602–608

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Medikationsmanagement vermeidet Nebenwirkungen

Arzneimittel sind ein besonderes Gut – richtig eingenommen, können sie Leben verlängern und lebenswerter machen. Falsch eingenommen, bewirken sie das Gegenteil.

In einem Kurzfilm der ARD-Reihe „W wie Wissen“ vom 24.10.2016 wird die geschätzte Zahl von 30-40.000 Todesfällen durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen pro Jahr genannt, das sind zehn mal mehr als die Zahl der jährlichen Verkehrstoten. So, wie Maßnahmen getroffen werden, die den Straßenverkehr sicherer machen, muss es auch Maßnahmen geben, die die Arzneimitteltherapiesicherheit erhöhen.

Zielgerichtete Maßnahmen können jedoch nur ergriffen werden, wenn die Ursachen bekannt sind, wenn man also weiß, welche Arzneimittel bei welchen Patienten Probleme verursachen. Dazu ist aktuell eine Studie beim BfArM angelaufen, die in dem erwähnten Kurzfilm vorgestellt wird. Hier sollen die Ursachen und die Vermeidbarkeit unerwünschter Arzneimittelwirkungen untersucht werden, die zu Krankenhausnotfallbehandlungen führen.

Das Medikationsmanagement durch den Apotheker kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, vermeidbare arzneimittelbezogene Probleme zu erkennen und unerwünschte Wirkungen sowie durch sie verursachte Krankenhauseinweisungen zu vermeiden. So ist gerade in den USA gezeigt worden, dass durch die Zusammenarbeit von speziell geschulten Krankenhaus- und Offizinapothekern die Rate an Klinikeinweisungen um mehr als ein Drittel gesenkt und Kosten in Höhe von 4,8 Mio US-$ eingespart werden konnten [1]. In Spanien konnten Offizinapotheker sowohl das Risiko für eine Krankenhauseinweisung wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen als auch die einweisungsbedingten Kosten mittels eines 6-monatigen Medikationsmanagements um etwa zwei Drittel reduzieren [2].

Quellen

[1] KL Pellegrin et al., Reductions in Medication-Related Hospitalizations in Older Adults with Medication Management by Hospital and Community Pharmacists: A Quasi-Experimental Study. J Am Geriatr Soc. 2016 Oct 7. doi: 10.1111/jgs.14518

[2] A Mallet-Larea et al., The impact of a medication review with follow-up service on hospital admissions in aged polypharmacy patients. Br J Clin Pharmacol. 2016 Sep;82(3):831-8

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Polypharmazie – ein Risiko?

Neue Studie zum Risiko der Polypharmazie

Männchen jongliert mit PillenAn einem Kollektiv von über 180.000 erwachsenen Patienten in Schottland wurde der Zusammenhang zwischen der Zahl der eingenommenen Arzneimittel und der ungeplanten Klinikeinweisungen untersucht [1].

Das Ergebnis: Bei Patienten mit mehreren Erkrankungen führt Polypharmazie nicht per se häufiger zu Klinikeinweisungen als ‚keine Therapie‘:

  • Bereits bei zwei Co-Morbiditäten haben Patienten ein gleich hohes Risiko für eine solche Einweisung wenn sie keine, wie wenn sie 4-6 Arzneimittel einnehmen.
  • Bei sechs oder mehr gleichzeitig bestehenden Erkrankungen haben Patienten ohne Therapie ein genau so hohes Risiko, ungeplant ins Krankenhaus zu müssen, wie Patienten mit 10 oder mehr Medikamenten an Bord. Patienten, die zwischen 1 und 9 Medikamente einnehmen, haben ein niedrigeres Risiko.

Auch wenn diese Studie zugunsten der Machbarkeit auf eine detaillierte Analyse der Schwere der Erkrankungen, der Komplexität der Therapiepläne und der Einweisungsgründe verzichtet hat, so dass mögliche wichtige Einflussfaktoren evtl. unberücksichtigt blieben, sind die große Zahl an Patienten und die Güte der routinemäßig elektronisch erhobenen Daten als Stärken hervorzuheben.

Dies zeigt deutlich, dass es ein Optimum an verordneten Arzneimitteln gibt, das von der Zahl der Co-Morbiditäten abhängt. Anders gesagt: Solange für jedes Arzneimittel eine Indikation vorliegt, schadet es dem Patienten nicht, sondern hilft ihm. Ein weiterer Anhaltspunkt dafür, dass die Bewertung und Optimierung von Arzneimitteltherapien von zentraler Bedeutung ist!

[1] RA Payne et al.: Is polypharmacy always hazardous? A retrospective cohort analysis using linked electronic health records from primary and secondary care. Br J Clin Pharmacol 2014, online 16. Januar; doi: 10.1111/bcp.12292