Medikationsanalyse in England

Qualitative Studie untersucht Ansicht von Ärzten und Apothekern hinsichtlich Effizienz und Gründlichkeit

Ärzte neigten dazu, der Effizienz den Vorzug zu geben (‚getting the work done‘) statt die Gründlichkeit in den Fokus zu stellen (‚doing it well‘). Zeit- und Ressourcenmangel sind ein wichtiges Hindernis bei der Durchführung.

Insgesamt wurden 13 Hausärzte bzw. Allgemeinmediziner und zehn Apotheker befragt. Beide Berufsgruppen nahmen die Medikationsanalyse als Chance wahr, die Arzneimitteltherapiesicherheit zu erhöhen. Obwohl die Befragten die Überzeugung äußerten, dass Patienten in die Entscheidung über ihre Therapie einbezogen werden sollten, führte der damit verbundene höhere Arbeitsaufwand dazu, dass die meisten Analysen ohne oder mit geringer Patientenbeteiligung abliefen. Einige Ärzte gaben an, die Medikationsanalyse in der schnellstmöglichen Art und Weise durchzuführen, die es erlaubt, die Analyse als unternommen zu dokumentieren, z.B. weil „Patienten, die in die Praxis kommen, noch über drei andere Themen reden wollen“. Beide Berufsgruppen bezeichneten Apotheker als gründlicher in der Medikationsanalyse, aber auch als weniger effizient. Insgesamt waren wenige Apotheker routinemäßig mit Medikationsanalysen befasst, auch diejenigen, die in Arztpraxen angestellt sind. Die Befragten gaben an, dass es einfacher sei, Therapien fortzuführen als sie zu beenden, besonders weil das Absetzen die mit zusätzlichem Zeitaufwand verbundene Einbeziehung des Patienten erfordere.

Fazit

Momentan sind fehlende Zeit- bzw. Personalressorcen die größte Hürde für die gründliche und umfassende Durchführung von Medikationsanalysen durch Heilberufler.

Quelle

Duncan P et al.: Efficiency versus thoroughness in medication review:a qualitative interview study in UK primary care. Br J Gen Pract 2019; DOI: https://doi.org/10.3399/bjgp19X701321

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Antikoagulation bei Krebspatienten

Bei etwa 5-10% der Krebspatienten und Krebs-Überlebenden treten im Verlauf während oder auch nach der Therapie venöse Thromboembolien (VTE) auf. Gegenüber Menschen ohne Krebserkrankung ist das VTE-Risiko um den Faktor 4-7 erhöht. VTE sind bei Krebspatienten die zweithäufigste Todesursache, sie verschlechtern die Prognose und bedeuten erhebliche Kosten für das Gesundheitssystem. Da bei antikoagulierten Krebspatienten zugleich auch das Blutungsrisiko zwei- bis dreimal so hoch ist wie bei antikoagulierten Patienten ohne Krebs, ist die Therapie besonders schwierig [1].

Der Standard war bislang niedermolekulares Heparin, was wegen der 1-2 täglichen subkutanen Injektionen eine erhebliche Belastung für die Patienten darstellt. Vitamin K-Antagonisten sind ebenfalls eine Option, die Zeit im Bereich des Ziel-INR ist aber bei Krebspatienten noch geringer als bei Patienten ohne Krebs. Erfreulich ist daher, dass zunehmend Studien veröffentlicht werden, denen zufolge auch in dieser Patientengruppe direkte orale Antikoagulanzien (DOAK) eingesetzt werden können [2].

Herausforderungen

Noch ist keines der DOAK für die Primärpravention von VTE bei Krebspatienten zugelassen, meist finden sich Tumoren unter den absoluten (wenn der Tumor mit erhöhtem Blutungsrisiko einhergeht) oder relativen (wegen Datenmangel) Kontraindikationen. Insofern erfolgt der Einsatz momentan jedenfalls off-label. Die meisten Studien sind von Herstellern gesponsort, zahlreiche Fragen sind offen, z.B. nach Antidoten, falls es wirklich zu Blutungsereignissen kommt, nach geeigneten Monitoringparametern, die die Therapie steuern helfen, zur Wirksamkeit der oralen Therapie bei Übelkeit und Erbrechen, zur Vermeidung von Interaktionen mit der Krebstherapie. Dennoch bedeuten die Studien einen Fortschritt in Richtung einer einfacheren Therapie für Krebspatienten.

Die aktuelle Empfehlung der International Society on Thrombosis and Haemostasis (ISTH) [3] lautet:

  1. Bei der Therapieentscheidung den Patienten mit einbeziehen (auch wichtig wegen der off-label-Situation und des evtl. erhöhten Blutungsrisikos).
  2. DOAK für Krebspatienten mit einer akuten VTE-Diagnose, niedrigem Blutungsrisiko und wenn Interaktionen mit der restlichen Medikation vermieden werden können. Andernfalls LMWH.
  3. LMWH bei erhöhtem Blutungsrisiko vorzuziehen, insbesondere bei luminalen gastrointestinalen Tumoren mit intaktem Primarius, Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko durch Tumoren des Urogenitaltrakts, der Harnblase oder durch die Anlage einer perkutanen Nephrostomie sowie auch Patienten mit Läsionen der gastrointestinalen Mukosa, beispielsweise duodenale Ulzera, Gastritis, Ösophagitis, oder Colitis.

Quellen

[1] Dartsch, DC & Gieseler F: Der Krebspatient in der Apotheke – Zwischen  Venenthrombose und Blutung. Deutsche Apothekerzeitung 2017; 157(43): 42-51

[2] Al-Samkari H & Connors JM: The Role of Direct Oral Anticoagulants in Treatment
of Cancer-Associated Thrombosis. Cancers (Basel). 2018 Aug 15;10(8). pii: E271

[3] Khorana AA et al.: Role of direct oral anticoagulants in the treatment of
cancer-associated venous thromboembolism: guidance from
the SSC of the ISTH. J Thromb Haemost. 2018 Sep;16(9):1891-1894

 

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ASS in der Kardioprävention: nach Gewicht dosieren

ASS wird in der Sekundärprävention von Herzkreislauferkrankungen standardmäßig mit 100mg/d eingesetzt. Aber ist das „One size fits all“-Konzept hier angemessen?

In einem systematischen Review wurden individuelle Patientendaten aus randomisierten Studien zur Primär- und Sekundärprävention mit ASS ausgewertet. Dabei wurde unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Raucher/Nichtraucher, BMI und ASS-Darreichungsform die Wirkung mit dem aktuellen Körpergewicht (binär: über oder unter 70 kg) korreliert.

Ergebnis

In den Studien zur Sekundärprävention reduzierte ASS in Dosierungen zwischen 75 und 100 mg pro Tag das Risiko nur bei Patienten, die weniger als 70 kg wogen um 33% (HR 0,67, 95% CI 0,54-0,84), aber nicht bei Patienten, die 70 kg oder mehr wogen (HR 1,01, 95% CI 0,75-1,37).

Bei höherer Dosierung (325 mg/Tag) verhielt es sich umgekehrt: Patienten, die weniger als 70 kg wogen, profitierten insgesamt nicht (HR 0,95, 95% CI 0,76-1,18), aber Patienten über 70 kg hatten ein um 27% niedrigeres Risiko (HR 0,73, 95% CI 0,58-0,93).

Das Blutungsrisiko wird erwartungsgemäß in allen Konstellationen gleichermaßen erhöht, mit Ausnahme der niedrigen Dosis bei Patienten, die mehr als 90 kg wogen.

Sollten diese Ergebnisse durch weitere Studien bestätigt werden, bedeutet dies, dass ein Großteil der Patienten (diejenigen, die schwerer als 70 kg sind) mit ASS 100 untertherapiert ist. Die Leitlinienempfehlungen müssen in dem Fall dahingehend überarbeitet werden, dass ASS in mehreren Stufen körpergewichtsbasiert dosiert wird.

Quelle

Rothwell PM, Cook NR, Gaziano JM et al. Effects of aspirin on risks of vascular events and cancer according to bodyweight and dose: analysis of individual patient data from randomised trials. Lancet. 2018; 392(10145):387-99.

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Apotheker in der Notaufnahme: Was bringt’s? [Studie 4]

Viele Patienten, die in die Notaufnahme kommen, haben zusätzlich zu ihrem akuten Problem bereits chronische Erkrankungen und eine Polymedikation, so dass insgesamt ein größeres Risiko für unerwünschte Wirkungen, erhöhte Morbidität und Mortalität besteht. Zugleich steht das medizinische Personal in überfüllten Notaufnahmen unter erheblichem Zeitdruck.

In dieser Situation kann die Beteiligung von Apothekern dazu beitragen, die Behandlungsergebnisse zu verbessern. Das wird u.a. in vier Studien belegt, die wir hier  in vier sequenziellen Beiträgen beispielhaft vorstellen.

Zur Studie 1 geht es hier, zur Studie 2 hier und zur Studie 3 hier.

Studie 4:

Diese Studie ging der Frage nach, ob zusätzlich zu einer Medikationsanalyse und Optimierung der Arzneimitteltherapie, die sowohl in der Interventions- als auch in der Kontrollgruppe durchgeführt wurde, die pharmazeutischen Leistungen

  • Arzneimittelanamnese / Vervollständigung des Medikationsplans and allen Schnittstellen (Aufnahme, Verlegung, Entlassen)
  • Follow-up der erwünschten und unerwünschten Wirkungen während des Klinikaufenthaltes und
  • Mitgabe schriftlicher Einnahmeinformationen bei Entlassung

bei Patienten über 65 und mit Polymedikation sowie entweder Herzinsuffizienz oder COPD, die in der Notaufnahme vorstellig werden, eine Verbesserung erzielen kann in den Punkten

  • manifeste unerwünschte Ereignisse durch falsche oder fehlende Pharmakotherapie (insbesondere unzureichende Kontrolle von Blutzucker, Blutdruck, Blutgerinnung, Herzfrequenz, Kaliumspiegel)
  • erneute Aufnahme binnen 180 Tagen nach Entlassung wegen dekompensierter Herzinsuffizienz oder COPD-Exazerbation
  • Dauer des Krankenhausaufenthaltes
  • 180-Tage-Mortalität.

Ergebnisse

In der Interventionsgruppe kam es pro Patient im Schnitt zu 0,95, in der Kontrollgruppe zu 1,44 manifesten unerwünschten Ereignissen durch falsche oder fehlende Therapie. Im Schnitt wurden 1,39 potenzielle arzneimittelbezogene Probleme in der Interventionsgruppe gelöst, zwei Drittel davon im Rahmen der Arzneimittelanamnese. Patienten der Kontrollgruppe verblieben im Schnitt zwei Tage länger im Krankenhaus. Patienten der Interventionsgruppe wurden öfter erneut aufgenommen, hatten aber eine geringere Mortalität. Hinsichtlich der Häufigkeit manifester unerwünschter Ereignisse waren die Gruppenunterschiede statistisch signifikant, hinsichtlich der anderen Parameter wurde lediglich ein Trend festgestellt.

Methodik

Die Studie war randomisiert und aufgrund der Art der Intervention unverblindet. Die in der Analyse für eine Power von 80% und Signifikanzlevel von 5% benötigte Fallzahl wurde erreicht. Unterschiede zwischen den Gruppen wurden mit Standardmethoden der Statistik (t-Test, Chi-Quadrat-Test) untersucht. Am Studienbeginn gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen, mit der einzigen Ausnahme der Dyslipidämie, die bei Patienten der Interventionsgruppe häufiger vorlag als in der Kontrollgruppe.

Alle Interventionen wurden von einem Krankenhausapotheker mit klinischer-pharmazeutischer Kompetenz im Bereich chronischer Erkrankungen und Notfallmedizin ausgeführt, belegt durch 5-jährige Praxiserfahrung.

Fazit

Die pharmazeutischen Dienstleistungen in der Notaufnahme, allen voran die Arzneimittelanamnese, können die Häufigkeit manifester unerwünschter Ereignisse statistisch signifikant senken.

Quelle

A Juanes et al.: Impact of a pharmaceutical care programme for patients with chronic  disease initiated at the emergency department on drug-related negative outcomes: a randomised controlled trial. Eur J Hosp Pharm 2017;0:1–7.

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Apotheker in der Notaufnahme: Was bringt’s? [Studie 3]

Viele Patienten, die in die Notaufnahme kommen, haben zusätzlich zu ihrem akuten Problem bereits chronische Erkrankungen und eine Polymedikation, so dass insgesamt ein größeres Risiko für unerwünschte Wirkungen, erhöhte Morbidität und Mortalität besteht. Zugleich steht das medizinische Personal in überfüllten Notaufnahmen unter erheblichem Zeitdruck.

In dieser Situation kann die Beteiligung von Apothekern dazu beitragen, die Behandlungsergebnisse zu verbessern. Das wird u.a. in vier Studien belegt, die wir hier  in vier sequenziellen Beiträgen beispielhaft vorstellen.

Zur Studie 1 geht es hier, zur Studie 2 hier und zur Studie 4 hier.

Studie 3: Abfangen von Fehlern durch Apotheker in der Notaufnahme

In dieser Studie wurde untersucht, wie viele klinisch relevante Medikationsfehler durch Apotheker in der Notaufnahme entdeckt werden. Die klinische Relevanz war dadurch definiert, dass die pharmazeutische Intervention zu einer Änderung der Therapie führte.

Ergebnisse

In insgesamt 1000 dokumentierten Stunden pharmazeutischer Arbeit in der Notaufnahme wurden 364 Fehler durch Korrektur der Therapie vermieden – also ein Fehler alle 2,75 Stunden. Mehr als die Hälfte der Fehler wurde im Konsultationsgespräch mit medizinischem Personal der Notaufnahme entdeckt, etwas über ein Drittel bei der Medikationsanalyse anhand der Patientenakten und der Rest (14%) bei anderen pharmazeutischen Tätigkeiten. Mehr als 80% der Fehler entstanden bei der Verordnung, und zwar am häufigsten Fehler in der Dosierung (44%), gefolgt von Verordnung des falschen Arzneimittels (14%), Nicht-Verordnung eines indizierten Arzneimittels (12%) und falsche Applikation (10%). Der Schweregrad der meisten Fehler (65%) wurde als „signifikant“ eingestuft, 23% als „schwerwiegend“, 2,5% als lebensbedrohlich und der Rest (9%) als „geringfügig“.

Methodik

Prospektive, multizentrische Kohortenstudie in 4 geografisch verschiedenen Notaufnahmen von einem allgemeinen und drei Universitätskrankenhäusern mit Apotheke bzw. pharmazeutischer Versorgung in den USA. In jedem war mindestens ein Apotheker in Vollzeit in der Notaufnahme tätig. Dieser dokumentierte in 250 Stunden alle seine Interventionen, deren klinische Relevanz anschließend zu einer Therapieänderung führte. Er dokumentierte außerdem, aus welcher Art von Tätigkeit die Intervention hervorging – Medikationsanalyse anhand der Akten, Konsultationsgespräch mit medizinischem Personal der Notaufnahme oder Anderes (z.B. Arzneimittelanamnese, Beratung des Patienten zur Optimierung der Arzneimittelanwendung) – in welcher Phase des Medikationsprozesses der Fehler auftrat und um welche Art von Fehler es sich handelte. Zusätzlich beschrieb er die möglichen Konsequenzen des Fehlers für den Patienten, wäre der Fehler unentdeckt geblieben. Alle Unterlagen wurden anschließend zentral von einem Arzt und einem Apotheker begutachtet, um eine Verzerrung der Ergebnisse zu minimieren, die dadurch entstehen kann, dass die teilnehmenden Apotheker ihre eigene Arbeit dokumentieren. Berichtete Fehler, die nicht klar als solche zu belegen oder die nicht als klinisch relevant eingeschätzt wurden, wurden von der Auswertung ausgeschlossen.

Fazit der Autoren

Bei der Tätigkeit in der Notaufnahme veranlasste jeder Apotheker im Schnitt alle 2,75 Stunden eine Therapieänderung, um einen Medikationsfehler zu korrigieren. Die meisten Fehler wurden im direkten Gespräch mit medizinischem Personal entdeckt, nur etwa ein Drittel während der aktengestützten Medikationsanalyse. Ein effizienter Einsatz von Apothekern in der Notaufnahme bedeutet daher zumindest hinsichtlich der Fehlervermeidung, dass sie nicht nur Medikationsanalysen durchführen, sondern für das weitere Personal leicht erreichbar sein und in Therapieentscheidungen von Beginn an eingebunden werden sollten.

Quelle

AE Patanwala et al.: A Prospective, Multicenter Study of Pharmacist Activities Resulting in  Medication Error Interception in the Emergency Department. Ann Em Med 2012; 59(5): 369-373

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Apotheker in der Notaufnahme: Was bringt’s? [Studie 2]

Viele Patienten, die in die Notaufnahme kommen, haben zusätzlich zu ihrem akuten Problem bereits chronische Erkrankungen und eine Polymedikation, so dass insgesamt ein größeres Risiko für unerwünschte Wirkungen, erhöhte Morbidität und Mortalität besteht. Zugleich steht das medizinische Personal in überfüllten Notaufnahmen unter erheblichem Zeitdruck.

In dieser Situation kann die Beteiligung von Apothekern dazu beitragen, die Behandlungsergebnisse zu verbessern. Das wird u.a. in vier Studien belegt, die wir hier  in vier sequenziellen Beiträgen beispielhaft vorstellen.

Zur Studie 1 geht es hier, zur Studie 3 hier und zur Studie 4 hier.

Studie 2: Pharmazeutische Arzneimittel-Anamnese bei Aufnahme

Bei 270 Patienten, die in einem von drei Lehrkrankenhäusern in Bogotà, Kolumbien, in die Notaufnahme eingewiesen wurden, erfolgte die Arzneimittel-Anamnese entweder standardmäßig, d.h. durch medizinisches Personal (Kontrollgruppe), oder durch einen  Apotheker (Interventionsgruppe), der im Gespräch mit Patienten und Angehörigen (wenn nötig, telefonisch), aus aktuellen Verordnungen und anhand mitgebrachter Medikation eine umfassende Medikationsliste erstellte [1]. Nachdem die Ärzte der Notaufnahme die initiale Klinikmedikation verordnet hatten, prüften zwei Gutachter diese Medikation auf Diskrepanzen mit der vorbestehenden Medikation des Patienten. Danach wurden unbeabsichtigte Diskrepanzen natürlich ausgeräumt.

Idealerweise sollte die Vormedikation in der Klinikmedikation enthalten und alle Abweichungen durch die akute Situation begründbar sein. Die Gutachter prüften dies, sowie die Wahrscheinlichkeit, dass etwaige nicht zu begründende Diskrepanzen den Patienten gefährden.

Ergebnisse

Im Schnitt traten je Patient mehr als drei nicht zu begründende und daher vermutlich nicht beabsichtigte Diskrepanzen auf. Ein Drittel davon wurde als nicht relevant eingestuft, 43% hätten bei Fortbestand der initialen Klinikmedikation milde und 24% schwere unerwünschte Folgen haben können.

Zwei Drittel der Abweichungen fanden sich bei den Patienten der Kontroll- und ein Drittel bei den Patienten der Interventionsgruppe. Die folgende Abbildung zeigt die Diskrepanzen aufgeschlüsselt nach Schweregrad der potenziellen Folgen und Gruppe:

 

Methodik

Die Parallelgruppen-Studie war multizentrisch, doppel-blind, randomisiert und kontrolliert. Beide Studiengruppen waren hinsichtlich aller Patientencharakteristika vergleichbar.

Fazit

An der Schnittstelle zur Notaufnahme wird die Vormedikation häufig nicht zu 100% erfasst. Apotheker, die in der Notaufnahme die Arzneimittelanamnese durchführen, reduzieren die Häufigkeit unbeabsichtigter Diskrepanzen zwischen vorbestehender Haus- und Klinikmedikation etwa um ein Drittel.

Quelle

[1] J Becerra-Camargo et al.: The effect on potential adverse drug events of a pharmacist-acquired medication history in an emergency department: a multicentre, double-blind,  randomised, controlled, parallel-group study. BMC Health Services Research 2015; 15:337

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Apotheker in der Notaufnahme: Was bringt’s? [Studie 1]

Viele Patienten, die in die Notaufnahme kommen, haben zusätzlich zu ihrem akuten Problem bereits chronische Erkrankungen und eine Polymedikation, so dass insgesamt ein größeres Risiko für unerwünschte Wirkungen, erhöhte Morbidität und Mortalität besteht. Zugleich steht das medizinische Personal in überfüllten Notaufnahmen unter erheblichem Zeitdruck.

In dieser Situation kann die Beteiligung von Apothekern dazu beitragen, die Behandlungsergebnisse zu verbessern. Das wird u.a. in vier Studien belegt, die wir hier  in vier sequenziellen Beiträgen beispielhaft vorstellen.

Zur Studie 2 geht es hier, zur Studie 3 hier und zur Studie 4 hier.

Studie 1: Interprofessionelles Aufnahme-Team

Knapp 900 Patienten, die in ein Allgemeinkrankenhaus in Melbourne eingewiesen wurden (davon fast 400 in der Notaufnahme), wurden entweder standardmäßig aufgenommen (also durch ein medizinisches Team, gefolgt von einer Vervollständigung der Arzneimittelanamnese durch Apotheker binnen 24h; Kontrollgruppe) oder durch ein interprofessionelles Team aus Ärzten und Apothekern (Interventionsgruppe) [1]. Hierbei führt ein erfahrener und dafür qualifizierter Apotheker die Arzneimittelanamnese durch, beurteilt das Thromboembolie-Risiko und diskutiert anschließend mit dem aufnehmenden Arzt die aktuelle Medikation und arzneimittelbezogene Probleme. Die gemeinsam festgelegte weitere Medikation überträgt der Apotheker in die Patientenakte und bespricht mit den Pflegekräften das Einnahmeschema, etwaige Notfallmedikamente, Monitoringmaßnahmen und ggf. Gründe für Medikationsänderungen. Am zweiten Tag wurde die Medikation durch einen unabhägigen Prüfer bewertet.

Ergebnisse

Bei den 473 Patienten in der Kontrollgruppe wurde in der nachträglichen Prüfung bei knapp 80% ein Medikationsfehler identifiziert, in der Interventionsgruppe war dies nur bei 3,7% der Fall. Damit lagen das relative Risiko für einen Medikationsfehler durch die standardmäßige Aufnahme bei 21,4 (95% CI: 13,0–35,0) und die Number Needed to Treat (NNT), um einen Fehler zu vermeiden, bei 1,3 (95% CI: 1,3–1,4). Das relative Risiko für einen schwerwiegenden Medikationsfehler durch die standardmäßige Aufnahme betrug 150,9 ((95% CI: 21,2–1072,9), mit einer NNT von 2,7 (95% CI 2,4–3,1).

Nach interprofessioneller Aufnahme traten zudem wesentlich weniger Medikationsfehler pro Patient auf (s. Abb.):

Methodik

Die Studie war randomisiert und kontrolliert, die beiden Gruppen hinsichtlich Alter, Geschlecht, Schwergrad des akuten Einweisungsgrundes, Polymedikation und Vorerkrankungen ausgewogen. Bei allen erhobenen Unterschieden in den Behandlungsergebnissen lag der p-Wert bei 0,01 oder darunter.

Fazit

Ein Aufnahmeteam, in dem Arzt und Apotheker zusammenarbeiten, reduziert die Häufigkeit von Medikationsfehlern bei Patienten mit komplexer Vormedikation wesentlich.

Quelle

Tong EY et al.: Partnered pharmacist charting on admission in the General Medical and
Emergency Short-stay Unit – a cluster-randomised controlled trial in patients
with complex medication regimens. J Clin Pharm Ther 2016; 41(4):414-8

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Leitlinie Thrombozytenaggregationshemmung

Thrombozytenaggregationshemmung

Wir kommen heute noch einmal zurück auf das Gerinnungs-Thema, diesmal nicht auf die Antikoagulanzien (s. dazu Gerinnungshemmung  bei Vorhofflimmern und Blutgerinnung in der Umgangssprache), sondern auf die Thrombozyten-Aggregationshemmung (TAH).

Zum Management der TAH in der Primärversorgung, und daher relevant für die öffentliche Apotheke, die die Verordnungen beliefert, ist aktuell eine S2-Leitlinie erschienen. In der Kurzfassung ist das Vorgehen zur Festlegung, welcher Wirkstoff und wieviele davon in welchen Fällen zur TAH eingesaetzt werden sollten, als übersichtlicher Algorithmus beschrieben. Die Langfassung liefert die Hintergründe, der Evidenzbericht die Methodik der systematischen Literaturrecherche und die Ergebnisse der eingeschlossenen Publikationen.

Empfehlungen

Monotherapie

ASS 100 ist erste Wahl bei: Patienten mit

  • stabiler KH
  • nach Myokardinfarkt
  • nach koronarer Revaskularisation (falls keine Antikoagulation indiziert ist)
  • symptomatischer peripherer arterieller Verschlusskrankheit (hier kann auch Clopidogrel als Monotherapie eingesetzt werden)
  • Nach Bypass-Operation an den Beinen
  • symptomatischer Carotis-Stenose
  • nach nicht embolischem ischämischem Hirninsult oder TIA
  • und ohne Kontraindikation gegen ASS

Eine Ulkuserkrankung ist keine ASS-Kontraindikation, in diesem Fall sollte ein PPI eingenommen werden. Im direkten Vergleich von Clopidogrel mit ASS+PPI  gab es unter Clopidogrel mehr Magenblutungen.

Clopidogrel soll als Alternative bei ASS-Intoleranz angeboten werden, dazu zählt ausschließlich eine echte Allergie/Idiosynkrasie und ein sicheres ASS-Asthma.

Prasugrel wird nicht empfohlen, da es das Risiko für größere Blutungsereignisse erheblich erhöht.

Duale Therapie

Clopidogrel 75 + ASS 100 (duale TAH, DAPT) sollen eingesetzt werden nach Stentimplantation. Dabei hängt die Dauer der Clopidogrel-Gabe von der Art des Stents ab, ASS soll dauerhaft weiter eingenommen werden:

  • Unbeschichteter („bare metal“) Stent (BMS): 4 Wochen Clopidogrel (bei hohem
    Blutungsrisiko 2 Wochen)
  • Beschichteter („drug eluting“) Stent (DES): 6 Monate Clopidogrel
  • nach rein medikamentös behandeltem STEMI: max. 4 Wochen

Eine DAPT ist nicht empfohlen nach ischämischem Schlaganfall.

Ticagrelor 2×90 + ASS 100 sollte nach jeder Form eines akuten koronaren Syndroms (instabile Angina pectoris, NSTEMI oder STEMI) und unabhängig von der initialen Therapie (konservativ, PTCA oder ACVB) 1 Jahr lang angeboten werden, sofern vertragen, bei erheblichem Blutungsrisiko im Einzelfall kürzer.

Triple-Therapie

Bei Patienten nach koronarer Stent-Implantation und Indikation zur oralen Antikoagulation sollte unter Überwachung des Blutbildes für begrenzte Zeit eine Triple-Therapie (ASS+Clopidogrel+Antikoagulation) durchgeführt werden. Die Patienten sind darüber aufzuklären, dass sie sich bei beobachteten Blutungen und Hypotonien unklarer Ursache umgehend in der Praxis vorstellen sollten. Zusammensetzung und Dauer der Triple-Therapie hängen von der Indikation ab.

Als Antikoagulanz sollten bei Triple-Therapien ausschließlich Vitamin K-Antagonisten eingesetzt werden.

Umstellung der TAH

  • Prasugrel auf Clopidogrel: direkt möglich, keine Aufsättigung nötig
  • Ticagrlor auf Clopidogrel:Aufsättigung mit 300 mg Clopidogrel für einen Tag
  • Prasu / Clopidogrel auf Ticagrelor: 1-­‐3 Tage Pause, dann erst Ticagrelor

Quelle

DEGAM-Leitlinie „Neue Thrombozyten-Aggregationshemmer: Einsatz in der Hausarztpraxis„. 2016

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Betablocker bei COPD

Zuwenig Betablocker bei COPD

COPD-Patienten haben infolge des veränderten Strömungswiderstandes des Blutes im Lungenkreislauf und aufgrund des gemeinsamen Risikofaktors Tabakrauch nicht selten auch eine Herzinsuffizienz. Betablocker sind dafür ein etabliertes Therapieprinzip. Wegen der bronchienverengenden Wirkung von Inhibitoren des Beta2-Rezeptors waren sie lange kontraindiziert bei COPD und Asthma (bei Asthma sind sie es auch nach wie vor).

Selektive Beta1-Blocker erzeugen jedoch, außer bei sehr hoher Dosis, keine Bronchokonstriktion. Studien haben belegt, dass das auch klinisch so ist und dass ihr Nutzen bei Patienten mit COPD und Herzinsuffizienz die Risiken überwiegt. Entsprechend werden Beta1-Blocker inzwischen von den Herzinsuffizienz-Leitlinien empfohlen, sofern die kardiale Auswurfleistung (Ejektionsfraktion) unter 40% liegt, explizit auch dann, wenn der Patient eine COPD hat [1].

Dennoch werden Beta1-Blocker bei Patienten mit Herzinsuffizienz und COPD seltener verordnet als bei Patienten, die nur eine Herzinsuffizienz haben, zeigt aktuell eine schottische Studie [2]. Von den Patienten mit Herzinsuffizienz bekamen 41% einen Betablocker verordnet, bei den Patienten mit beiden Erkrankungen waren es nur 22%. Auch wenn es nicht ganz einfach ist, bei einem COPD-Patienten eine Therapie mit Betablocker zu beginnen (langsame Auftitration der Dosis, Beobachtung der Herzfrequenz, des Blutdrucks, Spirometrie), sollten die Wirkstoffe den Patienten nicht vorenthalten werden, so die Autoren.

Über die duale Bronchodilatation bei COPD hatten wir Sie bereits im November informiert, s. dort.

Quellen

[1] 2016 ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure.

[2] B Lipworth et al., Underuse of β-blockers in heart failure and chronic obstructive pulmonary disease. Heart 2016; 102:1909–1914

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Leitlinie Supportivtherapie

Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen

Im vergangenen Monat wurde die interdisziplinäre Querschnittsleitlinie zur supportiven Therapie bei onkologischen PatientInnen veröffentlicht. Federführend waren dabei die Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation und  Sozialmedizin (ASORS) der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG), die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) und die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO).

Auf einen Blick

Die Leitlinie gibt Empfehlungen für:

  • die Anämie im Rahmen der Tumortherapie: an welchen Laborwerten erkennen? Wann behandeln? Wann Eisen, Erythropoiese-stimulierende Wirkstoffe oder Transfusion?
  • Prophylaxe der Neutropenie mit G-CSF: febrile / afebrile Neutropenie; wann vorbeugen? Welche Präparate? Welche Dosierungen? Welche Applikationszeiten?
  • Prophylaxe und Therapie Übelkeit und Erbrechen unter Tumortherapie: Risikoklassen (Emetogenität), Therapeutika
  • Diarrhoe unter Tumortherapie: Prophylaxe und Therapie
  • Orale Mucositis: allgemeine Maßnahmen, Prophylaxe und Therapie bei Chemotherapie und Stammzelltransplantation
  • Hauttoxizität: Prophylaxe und Therapie von Exanthem, Alopezie, Hand-Fuß-Syndrom, Nagelveränderung, Juckreiz
  • Periphere Neuropathie: Prophylaxe und Therapie
  • Knochenkomplikationen: medikamentöse, chirurgische, strahlentherapeutische Interventionen, Radionuklidtherapie, Osteoporose
  • Paravasate: allgemeine und substanzspezifische Maßnahmen
  • Supportivmaßnahmen in der Radioonkologie: interstinale, dermatologische, ossäre, pulmologische und neurologische Toxizität

Denjenigen, die sich dafür interessieren, wie die Empfehlungen in dieser Leitlinie zustandegekommen sind, sei der Evidenzbericht ans Herz gelegt, der jeweils die Studienlage darstellt.

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