Antihypertensiva abends einnehmen!

Hypertonie, der “stille Killer”, ist der wirksamste vermeidbare Risikofaktor für vorzeitigen Tod und Morbidität. Eine große Studie aus Spanien zeigt, dass Hypertonie-Patienten ihre Antihypertensiva mit Ausnahme von Diuretika lieber zur Nacht als nach dem Aufwachen einnehmen sollten.

Wie wurde die Studie durchgeführt?

Über 19.000 Studienteilnehmer wurden via 40 Arztpraxen in zwei Gruppen randomisiert. Die eine erhielt die Anweisung, ihre Antihypertensiva abends zu nehmen, die anderen sollten dies morgens tun. Die Studienteilnehmer waren im Schnitt 61 Jahre alt, 56% waren männlich, 43% waren übergewichtig, 24% hatten Typ 2-Diabetes, 29% eine chronische Niereninsuffizienz und 10% hatten zuvor ein unerwünschtes kardiovaskuläres Ereignis gehabt. 53% nahmen einen AT2-Blocker, 25% einen ACE-Inhibitor, 33% einen Calciumkanalblocker, 22% einen Betablocker und 47% ein Diuretikum. Monotherapien bestanden am häufigsten aus ACE-Inhibitoren oder AT1-Blockern, Zweierkombinationen aus einem ACE-Inhibitor oder AT1-Blocker und einem Diuretikum oder Calciumkanalblocker.

Was hat die Studie ergeben?

Innerhalb eines mittleren Beobachtungszeitraums von 6 Jahren war das relative Risiko, ein schwerwiegendes kardiovaskuläres Ereignis (z.B. Herzinfarkt oder Schlaganfall) zu erleben, in der „Abendgruppe“ um 45% geringer als in der Morgengruppe. Das absolute Risiko für ein „Event“ (Herzinfarkt, Revaskularisierung, Herzinsuffizienz, Schlaganfall oder Tod aufgrund eines solchen Vorfalls) während der Beobachtungsdauer betrug in der Gesamtgruppe 9%.

In der “Abendgruppe” lag das als Hazard Ratio gemessene Risiko für den Eintritt eines Events insgesamt bei 0,55 (95% Konfidenzintervall 0,50 – 0,61 (adjustiert für Alter, Geschlecht, Typ 2-Diabetes, chronische Niereninsuffizienz, Rauchen, HDL-C, nächtlichen systolischen Blutdruck, Tag-Nacht-Differenz des systolischen Blutdrucks und vorangegangen kardiovaskuläre Ereignisse).

Das Hazard Ratio für die einzelnen Events lag in der „Abendgruppe“ bei 0,44 (0,34-0,56) für kardiovaskulär bedingte Todesfälle, 0,66 (0,52-0,84) für Herzinfarkt, 0,6 (0,47-0,75) für einen Eingriff zur Revaskularisierung und 0,54 (0,42-0,69) für einen thromboembolischen Schlaganfall. Die Häufigkeit unerwünschter Wirkungen und die Adhärenz waren in beiden Gruppen gleich.

Empfehlung

Die Ergebnisse unterstreichen die Hypothese, dass sich die nächtliche Blutdrucksenkung stärker auf das Infarktrisiko auswirkt als eine Senkung über den Tag. Wenn es keinen Grund gibt, die Antihypertensiva zu einer bestimmten Tageszeit einzunehmen, sollten Patienten daher die abendliche Einnahme wählen.

Quelle:

Hermida RC et al. Bedtime hypertension treatment improves cardiovascular risk reduction: the Hygia Chronotherapy Trial. Eur Heart J. 2019;Oct 22. doi.org/10.1093/eurheartj/ehz754. [Epub ahead of print].

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54 Prozent der Erwachsenen lernen weiter

Die Weiterbildungsbeteiligung* in Deutschland steigt: 2018 nahmen 54 % der 18- bis 64-Jährigen an entsprechenden Maßnahmen teil, ließ das Bildungsministerium im August 2019 wissen. Hochgerechnet seien das 28,1 Millionen Erwachsene.

Damit ist Deutschland laut dem aktuellen UNESCO-Bildungsbericht führend. Der Bericht bescheinigt der Weiterbildung in Deutschland einen Spitzenplatz hinsichtlich Qualität, Finanzierung und Beteiligung.

Einige der 28,1 Millionen haben ihre Fort- und Weiterbildung in Form von Campus Pharmazie-Seminaren absolviert. Wir bedanken uns ganz herzlich für das uns entgegengebrachte Vertrauen!

Quelle

dpa, 05.12. 01:20 ROUNDUP/Unesco-Bericht: Deutschland Vorbild bei Erwachsenenbildung.

* Der Begriff „Weiterbildung“ umfasst außerhalb der Heilberufe beides: Zertifikats-Fort- und Weiterbildungen, die eine Weiterqualifizierung über die ganz konkrete Jobsituation hinaus zum Ziel haben.

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Das richtige Maß für die Nierenfunktion

Die MHRA empfiehlt [1]:

Für die meisten Wirkstoffe mit renaler Clearance und die meisten Patienten mit durchschnittlichem Körperbau und -gewicht kann die ‚estimated Glomerular Filtration Rate‘ (eGFR) zur Dosisanpassung verwendet werden, die inzwischen auf Laborberichten standardmäßig angegeben wird.

Für einige Wirkstoffe oder Wirkstoffgruppen bzw. Patienten sollte allerdings die Kreatininclearance nach Cockcroft & Gault für die Dosisanpassung verwendet werden:

  • direkte orale Antikoagulanzien (DOAKs)
  • Arzneimittel mit ausgeprägter renaler Clearance und geringer therapeutischer Breite (z.B. Digoxin, Sotalol)
  • Patienten, die nephrotoxische Arzneimittel anwenden (z.B. Vancomycin, Amphotericin B)
  • ältere Patienten (75 und älter)
  • Patienten mit unter- oder überdurchschnittlicher Muskelmasse (BMI <18 kg/m2 oder >40 kg/m2)

Die Dosierung der DOAK anhand der eGFR erhöht das Blutungsrisiko, da die Nierenfunktion tendenziell überschätzt wird. Dieses Risiko ist an Fallbeispielen und UAW-Meldungen belegt [1]. Das Risiko, die tatsächliche Nierenfunktion bei der Schätzung per eGFR zu überschätzen, steigt mit dem Alter: ab 65 Jahren war dies bei bis zu 28%, ab 85 Jahren bei bis zu 58% der Patienten der Fall [2].

Die Schätzung der Nierenfunktion ist mit Online-Rechnern wie www.nierenrechner.de oder https://www.mdcalc.com einfach möglich.

Quellen

[1] MHRA: Prescribing medicines in renal impairment: using the appropriate estimate of renal function to avoid the risk of adverse drug reactions. 18.10.2019. https://www.gov.uk/drug-safety-update/prescribing-medicines-in-renal-impairment-using-the-appropriate-estimate-of-renal-function-to-avoid-the-risk-of-adverse-drug-reactions [Zugriff 18.11.2019] [2] Wood S, et al. Application of prescribing recommendations in older people with reduced kidney function: a cross-sectional study in general practice. Br J Gen Pract 2018; 68: e378–e3879

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Dosisanpassung an Organfunktionen bei Krebspatienten

Welche Wirkstoffdosierungen müssen an die Nieren-, welche an die Leberfunktion angepasst werden?

Eine eingeschränkte Nieren- und / oder Leberfunktion ist nicht so selten bei Krebspatienten – sei es aufgrund der Erkrankung selbst, aufgrund von nephro- oder hepatotoxischen Nebenwirkungen der Therapie oder aufgrund von fortgeschrittenem Alter.

Angesichts der geringen therapeutischen Breite der Krebstherapeutika stellt sich daher häufig die Frage, ob eine solche Erkrankung die Pharmakokinetik des verordneten Wirkstoffs beeinflusst, so dass die Dosis angepasst werden muss.

Das Verständnis der Pharmakokinetik, speziell des Eliminationsweges (renale oder biliäre Exkretion mit oder ohne vorherige hepatische oder anderweitige Metabolisierung) eines Wirkstoffs, ist eine wesentliche Basis für die Einschätzung, ob die Nieren- oder die Leberfunktion oder beide bei der Dosierung berücksichtigt werden müssen.

Keine Regel ohne Ausnahmen

Manchmal sind die Empfehlungen allerdings auch überraschend, z.B. die Notwendigkeit der Dosisanpassung an die Nierenfunktion für Imatinib und Sorafenib, die beide vorrangig hepatisch eliminiert werden. Für Imatinib wurden bei niereninsuffizienten Patienten höhere Plasmaspiegel und mehr Nebenwirkungen gefunden, für Sorafenib stärkere Toxizität bei unveränderten Plasmaspiegeln. In beiden Fällen ist nicht ganz klar, warum das so ist. Erhöhte Plasmaspiegel weisen auf einen pharmakokinetischen Mechanismus hin (evtl. eine veränderte Bindung an α1-saures Glykoprotein, das bei Niereninsuffizienz verstärkt exprimiert wird), Erhöhte Toxizität bei unverändertem Plasmaspiegel auf einen pharmakodynamischen, also veränderte Sensitivität.

Die Autorinnen und Autoren einer kürzlich erschienenen Übersichtsarbeit haben sich die Mühe gemacht, die Dosierungsvorschriften von mehr als 150 onkologischen Wirkstoffen und Studiendaten dazu aus der Literatur durchzugehen und die an Eliminationsstörungen anzupassenden in drei Gruppen einzuteilen: a) solche, die bei eingeschränkter Nierenfunktion niedriger dosiert werden müssen, solche, die an b) eine mild bis moderat und solche, die an c) eine stark eingeschränkte Leberfunktion anzupassen sind.

Für Zytostatika-herstellende Apotheken ist die gesamte Übersicht wichtig, für andere Apotheken vorrangig die Spalte mit den oral verfügbaren Wirkstoffen.

Quelle

Krens SD et al.: Dose recommendations for anticancer drugs in patients with
renal or hepatic impairment. Lancet Oncol 2019; 20: e200–07

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Veranstaltungshinweis:

Falls Sie mehr über angewandte pharmakokinetische Zusammenhänge erfahren möchten: melden Sie sich für unser Seminar an, das am 03. Oktober 2019 startet!

Info-Abend zum Masterstudium „Clinical Pharmacy Practice“:

am 27. September 2019 in Düsseldorf

  • Was hat man vom Masterstudium Clinical Pharmacy Practice?
  • Wie ist es organisiert?
  • Wie greifen die Campus Pharmazie– und die RGU-Veranstaltungen ineinander?
  • Wie funktioniert die Anerkennung der Module?
  • Werden bereits absolvierte Seminare angerechnet?
  • Wie viel Zeit muss man investieren?
  • Wie geht das mit dem Sprachtest?
  • Wie oft muss ich nach Schottland? (Das beantworten wir gleich hier: gar nicht!)

Diese und alle weiteren Fragen beantworten wir beim

nächsten Infoabend am 27.09.19 von 19:00-21:00 nahe Messe Düsseldorf

– also gut erreichbar für alle Expopharm- und DAT-Besucher sowie KollegInnen aus Düsseldorf und Umgebung. Wir erwarten auch die Studienkoordinatorin aus Aberdeen, Ms Gwen Gray, die gerne für Fragen zur Verfügung stehen wird.

Die genaue Ortsangabe erhalten Sie nach Anmeldung bis zum 01. September 2019. Die Teilnahme ist kostenlos und unverbindlich.

Hier melden Sie sich an.

Bildnachweis: © D. Dartsch

SINA-Projekt: Befragung startet

Seit Februar ist unser Campus beratendes Mitglied in der Curriculum-Entwicklungs-Gruppe (s. Foto) des vom BMG geförderten Projekts „SINA“ (Strukturiertes interprofessionelles Studienangebot zum Thema Arzneitmitteltherapiesicherheit). Insbesondere unsere Erfahrungen in der Online-Fortbildung und der Abstimmung der Lehrmethoden auf die erwünschten Lernziele fließen hier ein.

Was wollen wir erreichen?

Ziele des Projektes sind zum einen eine Bedarfsanalyse, in der ermittelt wird, wie Stakeholder im Gesundheitssystem den Bedarf eines AMTS-Weiterbildungsangebots einschätzen, welche Inhalte sie für wichtig erachten und welche Aspekte in der Konzeption und Organisation einer solchen Weiterbildung aus ihrer Sicht zu beachten sind. Tzm anderen ist es das Ziel, darauf aufbauend ein Curriculum und Konzept für ein entsprechendes Angebot zu entwickeln, das daraufhin von Anbietern in der Aus-, Fort- und Weiterbildung verwendet werden kann.

So können Sie uns unterstützen:

Aktuell startet die o.g. Online-Befragung, zu der wir potenzielle Teilnehmende ebenso einladen, wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer aus pharmazeutischen, medizinischen und pflegerischen Einrichtungen, Vertreter von entsprechenden Berufsverbänden, Medizininformatiker, potenzielle Dozenten und Fortbildungsanbieter (jeweils m/w/d).

Für die Teilnahme an der Befragung sind keinerlei Vorkenntnisse im Bereich Arzneimitteltherapiesicherheit erforderlich! Sie finden die Befragung unter www.umfragen.uni-bonn.de/sina.

Mit der Beantwortung der Fragen geben Sie uns wichtige Hinweise, wie ein AMTS-Studienangebot bedarfsgerecht und ansprechend ausgestaltet werden kann. Für die Bearbeitung des Fragebogens benötigen Sie etwa 15 – 20 Minuten. Wir sind an Ihrer persönlichen Meinung interessiert, richtige oder falsche Antworten gibt es hierbei nicht.

Wir freuen uns über Ihre Teilnahme, die bis zum 31.08.2019 möglich ist.

Ihre Angaben werden dabei streng vertraulich behandelt und die Ergebnisse werden ausschließlich anonymisiert veröffentlicht.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Bildnachweis: © Uni Bonn

Vergleich der medizinischen Beratung vor Ort, per Telefon und per Videosprechstunde

Wie unterscheiden sich Inhalt und Qualität?

Erstmals sind die drei Kommunikationswege zwischen niedergelassenen Ärzten und Patienten im Rahmen einer explorativen non-randomisierten Studie verglichen worden [1]. Für die telefonische im Vergleich zur klassischen Sprechstunde in der Praxis war bereits zuvor festgestellt worden, dass sie im Schnitt kürzer ist, weniger Probleme und Patientendaten erfasst, weniger Beratungsaspekte beinhaltet, weniger persönliche Verbindung aufbaut, eher für unkomplizierte Fragestellungen als angemessen betrachtet wird und weniger Sicherheit bietet [2]. Können einige dieser Nachteile durch bildunterstützte Konsultationen aufgefangen werden?

Methodik

Teilnehmen konnten Arztpraxen in einer Region in Schottland und Patienten über 16 Jahre, die eine Folgekonsultation benötigten. Die Patienten konnten zwischen den drei Konsultationswegen wählen. Der videotelefonische Kontakt fand auf einer Kommunikationsplattform statt, die den Ergebnissen zufolge während der Studie weder den Ärzten noch den Patienten nennenswerte technische Probleme bereitete. Die Beratungsgespräche wurden aufgezeichnet und strukturiert qualitativ ausgewertet, und die teilnehmenden Ärzte und Patienten wurden per Fragebogen um ihre Einschätzung gebeten.

Erfasst wurden die Art und Zahl der besprochenen Probleme, die Qualitätsindikatoren für ärztliche Beratungsgespräche des Royal College of General Practitioners (u.a. ob aktiv nach Problemen oder Bedenken des Patienten gefragt wird, ob sichergestellt wird, dass Patient die Informationen verstanden hat), die Interaktion der Gesprächspartner gem. Roter-Interaktions-Analyse (u.a. soziale Facetten der Kommunikation, Art und Zahl der gegenseitigen Fragen, offene vs. geschlossene Fragen, Anzeichen der Empathie) und der Zeitbedarf auf beiden Seiten.

Ergebnisse

Hinsichtlich eines Index für soziale Benachteiligung (u.a. Einkommen, Bildungsgrad, infrastrukturelle Anbindung) waren alle drei Gruppen gleich. Patienten, die sich für die Videosprechstunde entschieden, waren systematisch jünger, gehörten häufiger zur arbeitenden Bevölkerung und waren stärker mit der digitalen Kommunikation vertraut als solche, die eine Telefon- oder Face-to-Face (F2F)-Sprechstunde wählten. Die Patienten in der F2F-Sprechstunde waren im Jahr vor der Studie häufiger beim Arzt gewesen als die beiden anderen Gruppen.

Einschätzung der Patienten: Als größter Vorteil der beiden Formen der Tele-Sprechstunde wurde von den Patienten die Bequemlichkeit genannt. Allerdings bezeichnete nur etwas mehr als die Hälfte die Tele-Sprechstunde als „ohne Nachteile“ gegenüber der F2F-Sprechstunde (Video 53%, Tel. 55%), sieben bzw. acht Prozent fühlten sich explizit schlechter versorgt.

Einschätzung der Ärzte: Unter den Ärzten bezeichneten 86% die F2F-, 78% die Video- und 65% die Telefon-Sprechstunde als geeignet, um die Probleme der Patienten zu adressieren.

Umfang der Sprechstunde: Die F2F-Sprechstunde dauerte länger als die beiden Formen der Tele-Sprechstunde: Im Median 8,4 min (Spannweite 2,33-26 min) für F2F, 4,93 min (1,45-14 min) in der Telefon- und 5,42 min (1,45-12,15 min) für die Video-Sprechstunde. In der F2F-Sprechstunde wurden mehr Gesundheitsprobleme der Patienten angesprochen.

Qualität der Beratung: In den Dimensionen der Beratungsqualität gem. den Kriterien des RCGP schnitt die F2F-Sprechstunde in fast allen Bereichen besser ab als die Tele-Formen, in drei Bereichen davon deutlich (Arzt erfragt das Gesundheitsverständnis des Patienten, ordnet dessen Probleme in den psychosozialen Kontext ein, erklärt die Diagnose). Lediglich bei der partizipativen Entscheidungsfindung und der Mitgabe einer Anweisung, wie sich der Patient bei ausbleibender Besserung oder gar Verschlechterung zu verhalten habe, schnitten die Tele-Formen marginal besser ab als die F2F-Sprechstunde (s. Abb.).

Abbildung erstellt auf Grundlage der Tabellen in [1]. Der Mittelwert aus den Ergebnissen aller drei Formen wurde als Bezugspunkt (=1) festgelegt.

Die Roter-Interaktions-Analyse ergab, dass Ärzte sich in der F2F-Sprechstunde stärker mit der Patientenedukation und -beratung befassten als in den beiden Formen der Tele-Sprechstunde, die sich untereinander nicht unterschieden. Auch Patienten teilten dem Arzt mehr Information über ihren Gesundheitszustand mit, wenn sie ihm in der Praxis direkt gegenüber saßen als wenn sie per Telefon oder Videokonferenz verbunden waren.

Fazit der Studienautoren

Die Video- und die Telefon-Sprechstunde erscheinen hinsichtlich Dauer, Inhalt und Qualität vergleichbar. Beide sind allerdings offenbar weniger geeignet, Informationen auszutauschen als die klassische Sprechstunde in der Praxis. Insofern ist anzunehmen, dass der direkte Kontakt vor Ort den Formen der Tele-Sprechstunde überlegen ist, wenn es darum geht, komplexere medizinische Probleme zu lösen.

Quellen

[1] Hammersley V et al.: Comparing the content and quality of video, telephone, and face-to-face consultations: a non-randomised, quasi-experimental, exploratory study in UK primary care. Br J Gen Pract. 2019 Jul 1. pii: bjgp19X704573 (online first)

[2] McKinstry B et al.: The quality, safety and content of telephone and face-to-face consultations: a comparative study. Qual Saf Health Care. 2010 Aug;19(4):298-303

Bildnachweis: © skvoor / Fotolia

US-Studie: Mehr Adhärenz mit Versandapotheken???

Oder: Die Tücken der Adhärenzmessung

Nehmen wir mal an, wir möchten wissen, wer mehr Zeitung liest: eine Gruppe von Zeitungsabonnenten oder eine Gruppe von Menschen, die ihre Zeitung jeden Tag am Kiosk um die Ecke kauft. Messgröße ist die Zahl der „Tage mit Zeitung“ innerhalb eines Jahres. Was wird wahrscheinlich herauskommen? Richtig – in der Gruppe der Abonnenten ist die Zahl der „Tage mit Zeitung“ größer, denn in der „Kiosk-Gruppe“ besteht viel häufiger die Chance, dass mal ein Zeitungskauf ausgelassen wird.

So ähnlich funktionierte eine US-amerikanische Studie [1], die die Adhärenz von Diabetespatienten, die ihre Medikamente per Versand bekamen, mit der Adhärenz solcher Diabetiker verglich, die ihre Arzneimittel in der Vor-Ort-Apotheke bezog. Messgröße war hier die „proportion of days covered“ (PDC), also die „Tage mit Medikament“. Die Patienten, die durch eine Versandapotheke versorgt wurden, hatten eine statistisch signifikant höhere PDC als Patienten einer Vor-Ort-Apotheke (s. Abb. 1).

Abb. erstellt aus den Daten von Schwab et al. [1]

Stimmt das denn?

Da es solche Studien schon zuvor gab und diese sich der Kritik ausgesetzt sahen, nicht berücksichtigt zu haben, dass Nutzer von Versandapotheken sich systematisch von Nutzer der Vor-Ort-Apotheken unterscheiden [2] hat die Studie von Schwab eine ganze Reihe von Faktoren kontrolliert und mittels korrekter statistischer Werkzeuge dafür gesorgt, dass diese das Ergebnis nicht verzerren.

Nicht kontrolliert haben die Autoren allerdings für den Zeitraum, den die Verordnungen für die Medikamente in beiden Systemen abdeckten: 90% der Versandapotheken-Patienten erhielten Verordnungen über jeweils 90 Tage, während nur 10% der Patienten von Vor-Ort-Apotheken Verordnungen bekamen, die derart lange Zeiträumen abdeckten.

Wer seine Arzneimittel in 90-Tage-Gebinden erhält, hat viermal im Jahr die Gelegenheit, Tage ohne Arzneimittel zu erleben, wer für 30 Tage versorgt wird, hat sie elfmal (grafisch dargestellt in [3]). Kein Wunder also, dass die PDC bei Versorgung durch Versandapotheken höher war. Womit wir wieder bei dem Beispiel mit den Zeitungen wären.

Wie oft hat jeder von uns schon eine Zeitung ungelesen ins Altpapier befördert, weil einfach keine Zeit war? Sie ahnen, worauf ich hinaus will. Jemand, der für jeden Tag Arzneimittel im Haus hat, hat die Chance, sie auch wirklich einzunehmen – aber eine Garantie ist das noch nicht. Wie es aussieht, wenn per Versand versorgte Patienten ihren Arzneimüll entsorgen, lässt sich in einer Bilderstrecke der National Community Pharmacist Association [4] erkennen.

Wenn eine Gruppe Diabetiker adhärenter ist als eine zweite Gruppe Diabetiker, müsste sich das eigentlich in besseren HbA1c-Werten wiederspiegeln. Die Unterschiede in der genannten Studie [1] waren allerdings marginal (s. Abb. 2).

Abb. erstellt aus den Daten von Schwab et al. [1]

Schlussfolgerung

Was lernen wir draus? Wenn man den Einfluss von Versorgungsformen auf die Adhärenz untersuchen will und als Endpunkt die PDC wählt, muss die Chance auf „uncovered days“ in beiden Formen auch gleich groß sein. Ansonsten drohen ein verzerrtes Ergebnis und falsche Schlussfolgerungen.

Quellen

[1] Schwab P et al.: A Retrospective Database Study Comparing Diabetes-Related Medication Adherence and Health Outcomes for Mail-Order Versus Community Pharmacy. J Manag Care Spec Pharm 2019; 25(3):332-40

[2] Fernandez EV et al.: Examination of the Link Between Medication Adherence and Use of Mail-Order Pharmacies in Chronic Disease States. Manag Care Spec Pharm 2016; 22(11):1247-59

[3] Farley JF et al: Community Pharmacy Versus Mail Order: An Uneven Comparison. J Manag Care Spec Pharm 2019; 25(6):724-725

[4] National Community Pharmacist Association. Mail order waste. https://www.ncpanet.org/pdf/leg/sep11/mail_order_waste.pdf [Zugriff 29.06.2019]

Leitfaden „Nebenwirkungen melden“

Wie geht das mit der Meldung von Nebenwirkungen? Welche sind besonders wichtig zu melden? Was ist hinsichtlich des Datenschutzes und der Schweigepflicht zu beachten?

Was für Ärzte wichtig zu wissen ist, ist für Apotheker genauso relevant. Darum lohnt ein Blick in den neuen Leitfaden (für Ärzte) „Nebenwirkungen melden“ der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ).

Hier ein Auszug:

Von besonderem Interesse für Meldungen sind:

  • Nebenwirkungen, die nicht in der Produktinformation aufgeführt sind oder die in ihrer Schwere oder Häufigkeit die Angaben der Produktinformation übertreffen
  • schwerwiegende Nebenwirkungen
  • schwerwiegende Nebenwirkungen, die nicht in der Produktinformation aufgeführt sind – auf jeden Fall melden, da dringender Handlungsbedarf bestehen kann!
  • Nebenwirkungen von Arzneimitteln, die weniger als fünf Jahre auf dem Markt sind.

Folgende Daten sind mindestens nötig:

  • Patientendaten: Geburtsdatum, Geschlecht, Initialen (damit Doppelmeldungen desselben Falls erkannt werden können)
  • beobachtete Reaktion bzw. potenzielle Nebenwirkung
  • ein verdächtigtes Arzneimittel (vollständiger Name des jeweiligen Präparats, bei biologischen Arzneimitteln oder beim Verdacht auf ein Qualitätsproblem zusätzlich die Chargenbezeichnung)
  • Kontaktdaten des Meldenden (für Rückfragen)

Damit der mögliche Zusammenhang bewertet werden kann, sind folgende Angaben hilfreich:

  • Therapiedaten (Von wann bis wann wurde das verdächtigte Arzneimittel angewendet? Für welche Indikation und in welcher Dosierung? Wann trat die Neben-wirkung auf?
  • Verlauf der Nebenwirkung nach Absetzen der verdächtigten Medikation bzw. anschließender erneuter Gabe
  • Begleiterkrankungen
  • Komedikation
  • relevante Untersuchungsergebnisse (z. B. Laborwerte)
  • Ausgang der Nebenwirkung (z. B. ob ein bleibender Schaden entstanden ist)

Bildnachweis: © sines / Fotolia

Colitis ulcerosa: Neue US-Leitlinie 2019

Die American Gastroenterological Association (AGA) hat im Januar eine neue Leitlinie zur Behandlung der gering- bis mäßiggradigen Colitis ulcerosa (CU) [1] herausgegeben. Sie stellt orale und topische 5-Aminosylicylate (5-ASA: Mesalazin, Sulfasalazin, Olsalazin), rektale Kortikosteroide (mit Hydrocortison, Betamethason, Budesonid) und orales Budesonid ins Zentrum, ebenso wie die ein Jahr früher veröffentlichte deutsche Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) [2].

Eine starke Empfehlung („soll“) wird für den Einsatz von 2–3 g/d Mesalazin oder 1,5-3 g/d Olsalazin p.o. bei Patienten mit gering- bis mäßiggradiger CU gegeben. Sie erzielt bessere Ergebnisse als niedrig dosiertes (<2 g/d) Mesalazin und ist besser verträglich als Sulfasalazin. Patienten, die Sulfasalazin bereits als Remissionstherapie erhalten, sowie Patienten mit ausgeprägter arthritischer Symptomatik können bei Sulfasalazin (2–4 g/d) bleiben.

In einer weiteren starken Empfehlung spricht sich die Leitlinie für die rektale Anwendung von Mesalazin aus, wenn Patienten die topische Therapie gegenüber der oralen bevorzugen.

„Kann“-Empfehlungen gibt es für eine ganze Reihe von Situationen und Therapien, z.B.
hochdosiertes Mesalazin (>3 g/d) in Kombination mit rektalem Mesalazin, wenn die oben empfohlene standarddosierte orale 5-ASA-Therapie nicht ausreicht, einmal tägliche Gabe der gesamten oralen Mesalazindosis sowie auch, Kortikosteroide erst einzusetzen, wenn 5-ASA nicht ausreichen oder nicht vertragen werden.

Aufgrund fehlender Evidenz gibt die Leitlinie keine Empfehlung in Richtung Probiotika, Curcumin oder (sofern keine Infektion mit Clostridium difficile vorliegt) die Stuhltransplantation.

Quellen

  • Ko CW et al.: AGA Clinical Practice Guidelines on the Management of Mild-to-Moderate Ulcerative Colitis. Gastroenterology 2019;156:748–764
  • Kucharzik T et al.: Aktualisierte S3-Leitlinie Colitis ulcerosa der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). Z Gastroenterol 2018; 56: 1087–1169

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