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Betablocker: Immer morgens anwenden?

Koala im Tiefschlaf © Fran Zaina | pexels

Betablocker, vor allem lipophile, haben Schlafstörungen bzw. Schläfrigkeit sowie verstärkte Traumaktivität mit der Häufigkeitsangabe „gelegentlich“ im Nebenwirkungsprofil. Sollte die Einnahme darum grundsätzlich morgens stattfinden? Jüngere Erkenntnisse aus Chronopharmakologie, Schlafmedizin und klinischer Pharmakologie fordern eine differenziertere Betrachtung hinsichtlich der Arzneimitteltherapie-Sicherheit – und eröffnen ein wichtiges Feld für die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Apotheke und ärztlicher Praxis.

Melatonin und circadianer Rhythmus

Die pharmakologische Begründung für Auswirkungen auf den Schlaf ist gut belegt: Betablocker unterdrücken die nächtliche Melatonin-Ausschüttung über eine Hemmung der β₁-adrenergen Rezeptoren in der Zirbeldrüse [1]. Bei abendlicher Einnahme greift diese Suppression in der Nacht und stört den zirkadianen Rhythmus.

Dass dies klinisch relevant sein kann, zeigt eine Auswertung dänischer Registerdaten. Das adjustierte 1-Jahres-Risiko für Angst und Schlafstörungen betrug 6.2% (95% CI: 6.0%-6.3%). In der Kontrollgruppe mit Patienten, die in gleicher Indikation eine Therapie mit Calciumkanalblockern begannen, lag das adjustierte 1-Jahres-Risiko bei 4.03% (95% CI: 3.95%-4.13%) [2]. Daraus ergibt sich eine adjustierte absolute Risikodifferenz (Risk Difference, RD) von 2,17%.

Neuropsychiatrisches Nebenwirkungs-profil

Schlafstörungen sind nicht die einzigen neuropsychiatrischen Beschwerden, die durch Betablocker ausgelöst werden können. Depressive Verstimmung wird ebenfalls diskutiert und ist darum Gegenstand von Studien. Eine Metaanalyse, die 285 randomisierte kontrollierte Studien und insgesamt mehr als 53.500 Patienten umfasste, fand keine signifikant erhöhte Depressionsrate unter Betablockern gegenüber Placebo oder Aktivkontrolle – wohl aber ein erhöhtes Risiko für Schlafstörungen [3].

Diesem Befund stehen Real-World-Daten gegenüber: In der dänischen Registerauswertung zeigten Betablocker im Vergleich zu Kalziumkanalblockern ein signifikant erhöhtes Auftreten einer Depression (RR 1,48), von Angststörungen und Insomnie (RR 1,53) sowie von Schwindel (RR 1,50) [2]. Eine Analyse US-amerikanischer Pharmakovigilanz-Daten untermauert dies: Neuropsychiatrische Nebenwirkungen waren für Betablocker signifikant häufiger Gegenstand einer Meldung als für Lisinopril und Losartan [4]. Alpträume wurden unter Betablockern 5,7x, Insomnie 1,8x häufiger gemeldet als unter Lisinopril. Verglichen mit Losartan sind die Melderaten für Alpträume unter Betablockern nur 2,5x und für Insomnie 1,4x höher [4]. Solche Auswertungen unterliegen methodisch einem Reporting-Bias und liefern keine Kausalbezüge, aber sie geben Hinweise.

Die Divergenz zwischen RCT- und Versorgungsdaten lässt sich möglicherweise durch die Ein- und Ausschlusskriterien der RCTs erklären: Sie schließen Patienten mit psychiatrischen Vorerkrankungen typischerweise aus – genau jene Population, die im klinischen Alltag besonders vulnerabel ist und möglicherweise ein erhöhtes Risiko für neuropsychiatrische Nebenwirkungen hat.

Patienten-Perspektive für den Einnahmezeitpunkt

Für die Gleichwertigkeit der morgendlichen und abendlichen Einnahme im Hinblick auf kardiovaskuläre Endpunkte liefert die TIME-Studie (n = 21.104) den derzeit robustesten Befund: Zwischen morgendlicher und abendlicher Einnahme antihypertensiver Medikamente – einschließlich Betablocker – zeigte sich kein signifikanter Unterschied hinsichtlich kardiovaskulärer Wirksamkeitsparameter [5].

Die Empfehlung ist daher, den Einnahmezeitpunkt nach Patientenpräferenz festzulegen: Bei Patienten, die keine unerwünschten Wirkungen auf die Schlafqualität feststellen (bei 6.2% kumulativem 1-Jahres-Risiko sind das mehr als 90%), entscheidet die Adhärenz. Der bessere Einnahmezeitpunkt ist der, der für den Patienten zuverlässiger durchführbar ist, das kann morgens oder abends sein.

Implikationen für die interprofessionelle Praxis

Apothekerinnen und Apotheker sind oft die erste Anlaufstelle, wenn Patienten über Schlafstörungen oder Albträume berichten und ein Schlafmittel wünschen. Hier sollte geklärt werden, ob es sich um die unerwünschte Wirkung z.B. einer neu begonnenen oder veränderten Betablocker-Therapie handelt. Nebenbei: Die positiven und negativen Auswirkungen weiterer häufig verordneter Wirkstoffe auf den Schlaf, z.B. Statine, RAAS-Inhibitoren, Metformin, L-Thyroxin u.a., werden in einem aktuellen Review beschrieben[6].

Eine strukturierte Medikationsanalyse ermöglicht es, derartige Zusammenhänge zu dokumentieren und in Rücksprache mit der verordnenden Ärztin oder dem Arzt zu adressieren: Substanzwechsel von einem lipophilen zu einem hydrophilen Betablocker, Dosisanpassung, Zusammenlegung mehrerer Einnahmezeitpunkte pro Tag oder gezielte Optimierung der Einnahmezeit sind Maßnahmen, die nur im Dialog gelingen.

Die morgendliche Einnahme bleibt für die Mehrheit der Patienten die pharmakologisch sinnvollste Strategie. Sie ist jedoch kein dogmatisches Prinzip, sondern ein Ausgangspunkt für individualisierte, interprofessionelle abgestimmte Therapieentscheidungen.

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Quellen

[1] Cojocariu SA et al.: Neuropsychiatric Consequences of Lipophilic Beta-Blockers. Medicina (Kaunas) 2021; 57(2):155

[2] Rasmussen PV et al.: Beta-blocker side-effects in clinical practice: A nationwide approach. Am Heart J 2026; 291:111-120

[3] Riemer TG et al.: Do β-Blockers Cause Depression? Systematic Review and Meta-Analysis of Psychiatric Adverse Events During β-Blocker Therapy. Hypertension 2021; 77(5):1539-1548

[4] Ez Eddin L et al.: β-blockers and risk of neuropsychiatric adverse events: An active-comparator restricted disproportionality on the FAERS. J Psychopharmacol 2025; 39(11):1299-1306

[5] Mackenzie IS et al.: TIME Study Group. Cardiovascular outcomes in adults with hypertension with evening versus morning dosing of usual antihypertensives in the UK (TIME study): a prospective, randomised, open-label, blinded-endpoint clinical trial. Lancet 2022; 400(10361):1417-1425

[6] Klugherz LJ et al.: Effects of Commonly Prescribed Medications on Sleep: A Review of the Literature. Mayo Clin Proc 2025; 100(5):856-867

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