US-Studie: Mehr Adhärenz mit Versandapotheken???

Oder: Die Tücken der Adhärenzmessung

Nehmen wir mal an, wir möchten wissen, wer mehr Zeitung liest: eine Gruppe von Zeitungsabonnenten oder eine Gruppe von Menschen, die ihre Zeitung jeden Tag am Kiosk um die Ecke kauft. Messgröße ist die Zahl der „Tage mit Zeitung“ innerhalb eines Jahres. Was wird wahrscheinlich herauskommen? Richtig – in der Gruppe der Abonnenten ist die Zahl der „Tage mit Zeitung“ größer, denn in der „Kiosk-Gruppe“ besteht viel häufiger die Chance, dass mal ein Zeitungskauf ausgelassen wird.

So ähnlich funktionierte eine US-amerikanische Studie [1], die die Adhärenz von Diabetespatienten, die ihre Medikamente per Versand bekamen, mit der Adhärenz solcher Diabetiker verglich, die ihre Arzneimittel in der Vor-Ort-Apotheke bezog. Messgröße war hier die „proportion of days covered“ (PDC), also die „Tage mit Medikament“. Die Patienten, die durch eine Versandapotheke versorgt wurden, hatten eine statistisch signifikant höhere PDC als Patienten einer Vor-Ort-Apotheke (s. Abb. 1).

Abb. erstellt aus den Daten von Schwab et al. [1]

Stimmt das denn?

Da es solche Studien schon zuvor gab und diese sich der Kritik ausgesetzt sahen, nicht berücksichtigt zu haben, dass Nutzer von Versandapotheken sich systematisch von Nutzer der Vor-Ort-Apotheken unterscheiden [2] hat die Studie von Schwab eine ganze Reihe von Faktoren kontrolliert und mittels korrekter statistischer Werkzeuge dafür gesorgt, dass diese das Ergebnis nicht verzerren.

Nicht kontrolliert haben die Autoren allerdings für den Zeitraum, den die Verordnungen für die Medikamente in beiden Systemen abdeckten: 90% der Versandapotheken-Patienten erhielten Verordnungen über jeweils 90 Tage, während nur 10% der Patienten von Vor-Ort-Apotheken Verordnungen bekamen, die derart lange Zeiträumen abdeckten.

Wer seine Arzneimittel in 90-Tage-Gebinden erhält, hat viermal im Jahr die Gelegenheit, Tage ohne Arzneimittel zu erleben, wer für 30 Tage versorgt wird, hat sie elfmal (grafisch dargestellt in [3]). Kein Wunder also, dass die PDC bei Versorgung durch Versandapotheken höher war. Womit wir wieder bei dem Beispiel mit den Zeitungen wären.

Wie oft hat jeder von uns schon eine Zeitung ungelesen ins Altpapier befördert, weil einfach keine Zeit war? Sie ahnen, worauf ich hinaus will. Jemand, der für jeden Tag Arzneimittel im Haus hat, hat die Chance, sie auch wirklich einzunehmen – aber eine Garantie ist das noch nicht. Wie es aussieht, wenn per Versand versorgte Patienten ihren Arzneimüll entsorgen, lässt sich in einer Bilderstrecke der National Community Pharmacist Association [4] erkennen.

Wenn eine Gruppe Diabetiker adhärenter ist als eine zweite Gruppe Diabetiker, müsste sich das eigentlich in besseren HbA1c-Werten wiederspiegeln. Die Unterschiede in der genannten Studie [1] waren allerdings marginal (s. Abb. 2).

Abb. erstellt aus den Daten von Schwab et al. [1]

Schlussfolgerung

Was lernen wir draus? Wenn man den Einfluss von Versorgungsformen auf die Adhärenz untersuchen will und als Endpunkt die PDC wählt, muss die Chance auf „uncovered days“ in beiden Formen auch gleich groß sein. Ansonsten drohen ein verzerrtes Ergebnis und falsche Schlussfolgerungen.

Quellen

[1] Schwab P et al.: A Retrospective Database Study Comparing Diabetes-Related Medication Adherence and Health Outcomes for Mail-Order Versus Community Pharmacy. J Manag Care Spec Pharm 2019; 25(3):332-40

[2] Fernandez EV et al.: Examination of the Link Between Medication Adherence and Use of Mail-Order Pharmacies in Chronic Disease States. Manag Care Spec Pharm 2016; 22(11):1247-59

[3] Farley JF et al: Community Pharmacy Versus Mail Order: An Uneven Comparison. J Manag Care Spec Pharm 2019; 25(6):724-725

[4] National Community Pharmacist Association. Mail order waste. https://www.ncpanet.org/pdf/leg/sep11/mail_order_waste.pdf [Zugriff 29.06.2019]

Newsletter Nr. 03/2018

 

Apotheker in die Notaufnahmen! Der Einsatz im interprofessionellen Aufnahmeteam in der Notaufnahme reduziert nachweislich die Häufigkeit von Medikationsfehlern sowie unbeabsichtigter Diskrepanzen zwischen vorbestehender Haus- und Klinikmedikation. Ein Apotheker initiiert dort außerdem im Schnitt alle 2,75 Stunden eine Therapieänderung, um Medikationsfehler zu korrigieren. In unserer Online-Serie fassen wir Studien zum Nutzen von Apothekern in Notaufnahmen für Sie zusammen.

 

Anerkennung des Seminars Arzneimittelinformation für Fachapotheker-Seminare: in der Klinischen Pharmazie, der Allgemeinpharmazie und der Arzneimittelinformation. Details zur Anerkennung lesen Sie in unserem Blog. Das Online-Seminar startet am 06.09.2018. Melden Sie sich gleich an.

 

Gut für Diabetiker: Die klinisch-pharmazeutische Versorgung von Diabetespatienten durch öffentliche Apotheken reduziert die Häufigkeit kardiovaskulärer Ereignisse. Das zeigt eine Modellrechnung über Zeithorizonte zwischen zwei und zehn Jahren.

 

Gut für Psoriasis-Patienten: Daten von „Real-World“-Patienten mit Psoriasis zeigen: Mit Biologicals ist das Risiko für schwere Infektionen nicht höher als mit Nicht-Biologicals. Die Studie stellen wir in unserem Blog vor.

 

Relevanz der QTc-Zeit-VerlängerungSie zu beurteilen und einen Konsens mit Ärzten zu erzielen, die QTc-verlängernde Kombinationen verordnen, ist oft nicht ganz einfach. Hilfestellung bietet eine Liste von patientenseitigen Risikofaktoren auf der Seite CredibleMeds – als Erweiterung der Wirkstofflisten.

 

Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Pharmazie: Am 3./4.11.18 geht es in Hamburg um das Thema „Auf Herz und Nieren geprüft – Pharmakotherapie bei Niereninsuffizienz“. Bis zum 01.09. können KollegInnen aus öffentlichen und Krankenhausapotheken Abstracts einreichen, die Anmeldung läuft bis 01. Oktober. Programm, Anmeldung und weitere Infos auf der Website der DGKPha. Dorothee Dartsch ist Tagungspräsidentin.

 

Seminartermine, 2. Halbjahr: Am 06.09. startet das Seminar „Medizinische Literaturrecherche und Arzneimittelinformation“, am 11.10. „Interpretation von Laborparametern“ und am 08.11. „Unerwünschte Arzneimittelwirkungen“ mit unserem bewährten Gast-Experten Dr. med. Sven Schmiedl. Jetzt anmelden.

 

MSc Clinical Pharmacy Practice-Infoabend in München: am 12.10.18 von 19:30-21:00 nahe Messe München Ost, gut geeignet für alle Expopharm- und DAT-Besucher und KollegInnen aus München und Umgebung. Referentinnen: Dr. D. Dartsch (Hamburg), Dr. A. Weidmann (Aberdeen). Kostenlos, begrenzte Teilnehmerzahl, Ortsangabe folgt nach Anmeldung.

 

Mit herzlichen Grüßen!

Jasmin Hamadeh——Dr. Dorothee Dartsch
(Mediendidaktik)–__–(Klinische Pharmazie)
——-– mit dem Campus-Team –

Hier können Sie unseren Newsletter herunterladen: PDF-Datei

Bildnachweis: © D. Dartsch

Klinisch-pharmazeutische Interventionen bei Diabetikern: mehr QALYs, weniger Kosten

Die klinisch-pharmazeutische Versorgung von Diabetespatienten durch öffentliche Apotheken reduziert in einer Modellberechnung über Zeithorizonte zwischen zwei und zehn Jahren die Häufigkeit kardiovaskuläre Ereignisse insgesamt, darunter Herzinfarkte, akute Herzinsuffizienz, Fuß-Ulzera und Fuß-Amputationen, verglichen mit Patienten, die ’nur‘ eine leitliniengerechte Standardtherapie erhielten [1]. Mithilfe des für Diabetes bereits validierten Archimedes Modells [2,3], das für US-Amerikaner mittlere Krankheitskosten über mehrere Jahre berechnet, wurde zudem gezeigt, dass die direkten Kosten insgesamt, die klinisch-pharmazeutische Versorgung eingeschlossen, durch die Intervention sanken [1].

Sowohl der Anstieg der QALYs (quality-adjusted life years) als auch die Einsparung der Kosten durch die pharmazeutischen Interventionen waren am stärksten und bereits bei einem Zeithorizont von 2 Jahren ausgeprägt, wenn Patienten am Beginn hohe HbA1c-Werte (≥10%) hatten. Bei Patienten mit HbA1c-Werten zwischen 9 und 10% waren die positiven Effekte ab einem Zeithorizont von fünf und bei Patienten mit HbA1c-Werten unter 9% ab einem Horizont von zehn Jahren erkennbar [1]. Diese Werte erwiesen sich in Sensitivitätsanalysen als robust.

A propos Diabetes: Die Amerikanische Diabetes-Gesellschaft hat gerade die Standards für 2018 veröffentlicht [4].

Quellen

[1] H Ourth et al.: Development of a Pharmacoeconomic Model to Demonstrate the
Effect of Clinical Pharmacist Involvement in Diabetes Management. J Manag Care Spec Pharm 2018; 24(5):449-57

[2] Schlessinger L, Eddy D: Archimedes: a new model for simulating health care
systems—the mathematical formulation. Journal of Biomedical Informatics 2002; 35:37–50

[3] Eddy D, Schlessinger L: Archimedes: a trial-validated model of diabetes. Diabetes Care. 2003;26(11):3093-101.

[4] American Diabetes Association: Standards of Medical Care in Diabetes—2018. Diabetes Care 2018 Jan; 41(Supplement 1).

Bildnachweis: © fotomek / Fotolia

Newsletter Nr. 10/2013

besser gemeinsam

Fortbildungs-Interaktionen: Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe hat die moderierten Campus-Pharmazie-Seminare intensiv geprüft und entschieden, die Seminarteilnahme ihrer Mitglieder finanziell zu fördern. Die Kammer erweitert auf diesem Weg ihr Fortbildungsangebot um kompetenzorientierte E-Learning-Einheiten in patientenorientierter Pharmazie.Anmeldung zu den Seminaren ist ab sofort möglich. Weitere Netzwerkpartner Apothkerkammer Westfalen-LippeInformationen finden Sie hier und auf den Seiten der Apothekenkammer Westfalen-Lippe.

 

Campus-Tag in Münster: Zum Auftakt der „Fortbildungs-Interaktion“ veranstalten wir am 20.11.13 von 14 bis 18 Uhr mit der Apothekerkammer Westfalen-Lippe einen Campus-Tag in Münster. In diesem „echten“ Treffen führen wir interessierte Kolleginnen und Kollegen entlang einer Fallbearbeitung durch den typischen Ablauf der Campus Pharmazie-Seminare. Mehr Informationen zum Ablauf finden Sie hier. Anmeldung zu dieser kostenlosen, mit 5 Fortbildungs-Punkten für Apotheker/innen aller Kammerbezirke honorierten Veranstaltung über die über den online-Fortbildungskalender der AkWL.

 

Diabetes und Niere: Ein Viertel aller Typ 2-Diabetiker hat eine diabetische Nierenschädigung. Wie Sie Patienten mit dieser Eliminationsstörung durch eine Anpassung der Arzneimitteltherapie unterstützen können, erfahren Sie hier.

 

Adventskalender 2013: Auch dieses Jahr möchten wir Sie mit einem klinisch-pharmazeutischen Adventskalender erfreuen und laden Sie herzlich ein, sich an der Gestaltung zu beteiligen. Als Dankeschön verlosen wir unter allen teilnahmeberechtigten Einsendern von Kalenderbeiträgen Plätze zu den Seminaren „Patienten mit Eliminationsstörungen“ (16.01.-12.02.14), „Arzneimittelinteraktionen“ (13.03.-09.04.14) und zum Case-Training (23.-29.01.14). Nähere Informationen hier.

 

Glückwunsch den Absolventen des Seminars Interpretation von Laborparametern: Alle Teilnehmenden haben die Anforderungen mit Bravour erfüllt und sind nun in der Lage, die gängigen Laborparameter in der Optimierung von Arzneimitteltherapien anzuwenden. Die Zertifikate und Teilnahmebescheinigungen für die 26 Fortbildungspunkte der Kammer sind sehr verdient und unterwegs. Wir freuen uns über den Zuwachs im Alumni-Netzwerk.

 

Don’ts in der Krebstherapie: Die ASCO hat fünf medizinische Maßnahmen benannt, die in der Krebstherapie unterbleiben sollten. Wir haben Sie hier für Sie zusammengefasst.

 

Medikamente in der Stillzeit: Viele Arzneimittel werden in der Stillzeit aus Angst vor Nebenwirkungen beim Kind abgesetzt, oder es wird auf Flaschennahrung umgestellt. Dies ist seltener nötig, als viele denken, sagt die American Academy of Pediatrics, AAP. Mehr Informationen haben wir Ihnen hier zusammengestellt.

 

Bildungsprämie verlängert: Die Vergabe der „Bildungsprämie“ wurde verlängert. Mit dieser staatlichen Förderung für berufliche Fort- und Weiterbildungen können Teilnehmer mit einer Übernahme von bis zu 50% der Seminargebühren unterstützt werden. Nähere Informationen finden Sie unter www.bildungspraemie.info, allgemeine Informationen zu Fördermöglichkeiten der Campus Pharmazie-Seminare auch hier.

 

dpv-Treffen: Über Merkmale und Möglichkeiten verschiedener E-Learning-Formate sprach Dorothee Dartsch am 19.10.13 auf Einladung des Deutschen Pharmazeutinnen-Verbandes beim 9. Europäischen Pharmazeutinnen-Treffen. Besonderer Fokus des Vortrags lag auf kompetenzorientierten Konzepten. Intensiv diskutiert wurde im Anschluss nicht nur das Zusammenspiel aus Methoden und Lernzielen, sondern auch die Frage, ob Fort- und Weiterbildung für Apothekerinnen und Apotheker verpflichtend sein sollte. Die Vortragsfolien und Weiterführendes hier.

 

Wir wünschen Ihnen einen erkältungsfreien November!

Prof. Dr. Dorothee Dartsch (Klinische Pharmazie)
Jasmin Hamadeh (Mediendidaktik und Lernorganisation)