Serotoninsyndrom

Serotoninsyndrom

Wie die Torsade de Pointes ist auch das Serotoninsyndrom sehr selten, aber gefährlich. Weit weniger selten taucht es in der Interaktionswarnung auf, weil serotonerge Wirkstoffe häufig verordnet werden.

Aktuell haben Apotheker des UK Medicines Information ein „Questions & Answers“ zum Serotoninsyndrom veröffentlich, dessen Inhalt hier in Auszügen wiedergegeben ist.

Das Serotoninsyndrom ist eine unerwünschte Wirkung (UAW) vom Typ A, es ist also dosisabhängig und setzt keine individualle Prädisposition voraus. Es setzt in der Regel binnen wenbiger Stunden nach Ansetzen oder Dosiserhöhung des Auslösers ein und klingt binnen 24h (letztlich abhängig von seiner Halbwertszeit) nach Absetzen ab. Zustände mit ähnlicher Symptomatik (daher leicht zu verwechseln) sind das maligne neuroleptische Syndrom, anticholinerge UAW und maligne Hyperthermie. Die Diagnose wird daher sowohl an der Symptomatik als auch an der Medikation festgemacht.

Enstehung

Mechanismen der gesteigerten Serotoninwirkung sind:

  • Steigerung der Serotoninsynthese
  • Inhibition des Serotoninabbaus
  • Steigerung der Serotoninfreisetzung
  • Inhibition der Serotoninwiederaufnahme
  • Aktivierung von Serotoninrezeptoren

Mechanismen der Auslösung eines Serotoninsyndroms sind:

  • Überdosierung eines serotonergen Wirkstoffs (z.B. durch unterbliebene Dosisanpassung an Organfunktionen oder individuelle Empfindlichkeit)
  • Interaktionen: a) pharmakodynamische bei Addition mehrerer serotonerger Wirkstoffe oder b) pharmakokinetische bei Kombination eines serotonergen Wirkstoffs mit z.B. einem Inhibitor seines Metabolisierungsweges.

Symptomatik

Charakteristisch ist eine Trias aus kognitiven bzw. Verhaltensveränderungen, neuromuskulären Symptomen und autonomer Hyperaktivität:

Kognitive bzw. Verhaltensveränderungen:

  • Agitiertheit
  • Angst
  • Desorientierung
  • Ruhelosigkeit
  • Aufregung

Neuromuskuläre Symptome:

  • Tremor
  • klonische Krämpfe (unwillkürliche, rhythmische Kontraktionen) von Muskeln oder Muskelgruppen
  • Hypererregbarkeit der Reflexe
  • Muskelsteifigkeit
  • Babinski-Reflex an beiden Füßen

Autonome Hyperaktivität:

  • Hypertonie
  • Tachykardie
  • Tachypnoe
  • Fieber
  • Mydriasis
  • Schwitzen
  • Trockene Schleimhäute
  • gerötete Haut
  • Schüttelfrost
  • Erbrechen
  • Diarrhoe
  • hyperaktive Darmtätigkeit
  • Arrhythmien

Sollte in der Apotheke ein Patient mit den folgenden Anzeichen auffallen, sollten Sie ihn direkt und ohne Umwege zum Arzt schicken bzw. den Notarzt rufen, falls der Zustand  kritisch erscheint:

Einnahme eines serotonergen Medikaments und mindestens eine der folgenden zusätzlichen Symptomkonstellationen:

  • spontane klonische Krämpfe
  • [durch Reize auslösbare Klonien oder klonische Augenbewegungen] und [Agitiertheit oder Schwitzen]
  • Tremor und Hyperreflexivität
  • Hypertonie und Fieber über 38°C und [durch Reize auslösbare Klonien oder klonische Augenbewegungen]

Diese Kombinationen entsprechen den ‚Hunter serotonin toxicity criteria‘, die als sensitiver als die Sternbach-Kriterien gelten.

Potenzielle medikamentöse Auslöser

Zu den wichtigen Auslösern gehören:

  • SSRI: Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin, Sertralin
  • SNRI: Venlafaxin, Duloxetin
  • MAO-Hemmer: Tranylcypromin, Phenelzin, Moclobemid
  • Trizyklische Antidepressiva: Clomipramine, Imipramin, Amitriptylin, Doxepin, Nortriptylin, Trimipramin
  • Andere Antidepressiva: Lithium, Trazodon, L-Tryptophan (auch an Gehalt in Nahrungsmitteln denken), Mirtazapin, Dapoxetin, Vortioxetin
  • Opioide: Pethidin, Tramadol, Methadon, Fentanyl, Dextromethorphan, Pentazocin, Oxycodon, Tapentadol
  • Parkinson-Therapeutika: Selegilin, Rasagilin, Levodopa, Amantadin, Safinamid
  • Antiinfektiva: Linezolid
  • Tumortherapeutika: Procarbazin
  • Antikonvulsiva: Carbamazepin, Valproat
  • Antiemetika: Metoclopramid, Ondansetron, Granisetron
  • Antihistaminika: Chlorphenamin, Diphenhydramin
  • Migränetherapeutika: Triptane (See UKMi Q&A 48),  Dihydroergotamin
  • Mittel zur Raucherentwöhnung: Bupropion
  • Anxiolytika: Buspiron
  • Phytopharmaka: Johanniskraut
  • Diagnostika: Methylenblau

Therapie

Wichtigste Maßnahme ist das sofortige Ab- bzw Ersetzen serotonerger Wirkstoffe, daneben kommen supportive Maßnahmen zum Einsatz.

Quelle

McKie: What is serotonin syndrome and which medicines cause it?. UKMi Questions & Answers 219.4, 06.12.2016

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Newsletter Nr. 02/2015

 

Mysterium Multimediaktion

 

Mysteriöses Muskelzucken – ein Fall für Dr. Kinet: Erfreuen Sie sich an einer Detektivgeschichte, die an einem Fallbeispiel pharmakokinetischen Zusammenhängen einer gefährlichen Multimedikation auf den Grund geht. Hätten Sie es gewusst…?

 

Medikationsanalyse: Erneut bieten wir mit unserem Netzwerkpartner, der Apothekerkammer Hamburg, ein Blended-Learning-Seminar zur Medikationsanalyse an. Am 18.04.15 treffen wir uns zum Präsenztag, in dem es um die Medikationsanalyse als Prozess und Kommunikation geht. In der ersten Junihälfte finden Online-Case-Trainings statt. Die Teilnehmer analysieren dort drei Medikationen innerhalb einer Woche zu selbst gewählten Zeiten im kollegialen Austausch. Restplätze zu buchen über die AKHH.

 

Indikatoren für arzneimittelbezogene Probleme analysiert: Um Patienten zu identifizieren, die in besonderem Maß von einer Medikationsanalyse profitieren könnten, sind Indikatoren hilfreich, die auf das Vorhandensein von Problemen hinweisen. Wir stellen Ihnen eine US- und eine Schweizer Studie vor, die mit ganz unterschiedlichen Verfahren nach solchen Indikatoren gesucht haben.

 

Suizidrisiko unter Antidepressiva: Eine britische Beobachtungsstudie an knapp 240.000 Patienten mit Depression hat die Häufigkeit von Suizid(versuchen) und selbst-aggressivem Verhalten in Abhängigkeit vom antidepressiven Wirkstoff untersucht. Ergebnis: Mirtazapin, Trazodon und Venlafaxin haben ein größeres Risiko als Trizyklika und SSRI. Mehr dazu hier.

 

Physiologie und das Verhalten von Arzneimitteln im Körper: Dieses Zusammenspiel zu verstehen ist unmittelbar relevant für Interaktionen, unerwünschte Wirkungen sowie die Therapieanpassung für Patienten mit Nieren- oder Lebererkrankungen oder geriatrische Patienten (s. Detektivgeschichte).

Das SeminarAngewandte Pharmakokinetik vermittelt dieses Zusammenspiel und ist darum der ideale Einstieg in diese Themen. Laufzeit: 23.04.-20.05.15. Eine Beschreibung unseres Seminarkonzepts, des Nutzens und der Kosten finden Sie auf unserer Website. Letzte Anmeldungen nehmen wir bis zum 09. April über das Online-Anmeldeformular oder per E-Mail entgegen.

 

Leitlinie zum langfristigen Opioideinsatz aktualisiert: Wir haben für Sie die Gründe für die Aktualisierung sowie mögliche Indikationen und Kontraindikationen für Opioide bei CNTS zusammengestellt.

Kollegial grüßen in die Osterzeit

Dr. Dorothee Dartsch (Klinische Pharmazie)
Jasmin Hamadeh (Mediendidaktik und Lernorganisation)