Wege aus dem Analgetika-Kopfschmerz

Neue EAN-Leitlinie 2020

Analgetika-Kopfschmerz entsteht durch regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln gegen Kopfschmerz oder Migräne und betrifft in Europa etwa 1–2% der Bevölkerung. In Deutschland sind das mehr als 1 Million Menschen. Die häufigsten Co-Morbiditäten des Analgetika-Kopfschmerzes sind Angststörungen und Depressionen.

Die Diagnose wird anhand von drei Kriterien gestellt (s. Infografik). Die ersten beiden können durch Befragen des Patienten, also auch in der Apotheke erhoben werden. Sind sie erfüllt, sollte der Patient an einen Arzt verwiesen werden, der andere ICHD-(Internationale Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen)-3-Diagnosen prüfen kann.

Die Leitlinienempfehlungen im Überblick

Beratung ist als erster Schritt zur Behandlung von Patienten mit Analgetika-Kopfschmerz empfohlen, die Triptane oder nicht-opioide Analgetika in übermäßig häufig anwenden und keine psychiatrischen Co-Morbiditäten haben. (geringe Evidenz, mittelstarke Empfehlung)

Beratung ist als alleinige Maßnahme nicht angemessen, wenn Opioide, Beruhigungsmittel oder Barbiturate übermäßig viel verwendet werden, sowie bei Patienten, die bereits vergeblich versucht haben, den Analgetika-Übergebrauch zu stoppen. Solche Patienten sollen an einen Kopfschmerzspezialisten oder eine spezialisierte Versorgungseinrichtung verwiesen werden. (geringe Evidenz, mittelstarke Empfehlung)

Beratung soll der erste Schritt vor einer Pharmakotherapie sein.

Bei Patienten mit Migräne und Analgetika-Übergebrauch sind Topiramat (cave: nicht für Frauen im gebärfähigen Alter), Botulinumtoxin A oder monoklonale CGRP- oder CGRP-Rezeptor-Antikörper wirksam. (geringe bis moderate Evidenz, schwache Empfehlung)

Andere präventive Migränetherapien, wie Betablocker, Flunarizin oder Amitriptylin können eingesetzt werden, auch wenn ihre Wirksamkeit nicht durch randomisierte kontrollierte Studien (RCT) belegt ist. (geringe Evidenz, schwache Empfehlung)

Beendigung des Übergebrauchs führt bei einem hohen Anteil der Patienten zur Wiederherstellung eines nur episodischen Kopfschmerzmusters. (moderate Evidenz, starke Empfehlung)

Beendigung des Übergebrauchs geht mit einer Verringerung der gesundheitsbezogenen Kosten und einer Verbesserung der Lebensqualität und Co-Morbiditäten (Angeststörungen und Depressionen) einher. (moderate Evidenz, starke Empfehlung)

Eine Therapie zur Dämpfung der typischerweise 2 bis 10 Tage anhaltenden Entzugssymptome (Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Hypotonie, Tachykardie, Schlafstörungen, Ruhelosigkeit, Angst, Nervosität) kann eingesetzt werden. Opioide, Barbiturate und Benzodiazepine sollten während eines stationären Aufenthaltes ausgeschlichen werden, Benzodiazepine vorzugsweise nach Umstellung auf Präparate mit kurzer Halbwertszeit. Entzugssymptome nach Beendigung eines NSAID-Übergebrauchs können durch Migränetherapeutika (z.B. Triptane) behandelt werden und umgekehrt, ohne dass ein Misslingen des Entzugs befürchtet werden muss. Naproxen, Paracetamol, Tizanidin, MCP, Domoperidon, Clonidin und Chlorpromazin wurden erfolgreich in Studien eingesetzt. Celecoxib und Kortikosteroide, scheinen in der Supportivtherapie des Analgetika-Entzugs ohne Wirkung zu sein.(geringe Evidenz, schwache Empfehlung)

Das Risiko eines Rückfalls in den Analgetika-Übergebrauch liegt bei etwa 20-40%, je nach Studie. Ein Tagebuch über Kopfschmerzen und Analgetikaeinnahmen kann hilfreich sein, um dies zu verhindern, aber ggf. auch, um einen Rückfall frühzeitig zu erkennen. Psychotherapie kann versuchsweise ebenfalls präventiv eingesetzt werden.

Quelle:

Diener HC et al.: European Academy of Neurology guideline on the management of
medication-overuse headache
. Eur J Neurol 2020; 27: 1102–1116

Bildnachweis: © Mika / unsplash

Medikationsmanagement ist kosteneffektiv

In regelmäßigen 5-8-Jahres-Abständen werden systematische Reviews zur Kosteneffektivität klinisch-pharmazeutischer Dienstleistungen im Bereich des Medikationsmanagements veröffentlicht [1-5]. Der aktuelle Überblick über die Jahre 2011 bis 2017 [5] ist gerade erschienen.

Studien zum Medikationsmanagement

Bei der Literaturrecherche fanden sich 214 Treffer, die nach Sichtung der Titel, Abstracts und Artikel die Ein- und Ausschlusskriterien für den Review erfüllten. Wegen der unterschiedlichen Rahmenbedingungen beschränkten die Autoren sich außerdem auf die 115 US-amerikanischen Treffer. Studien zum pharmakotherapeutischen Management machten 41% der eingeschlossenen Artikel aus. Sie zeigten in der Regel Kosteneinsparungen durch die Intervention durch die Vermeidung von arzneimittelbezogenen Problemen und Reduktion von Ausgaben für medizinischen oder pharmazeutische Maßnahmen.

Unter diesen Studien waren zwei mit als gering klassifiziertem Risiko für Bias: Die erste zeigte, dass das Medikationsmanagement in der öffentlichen Apotheke die Arzneimittelkosten eines Jahres für den Patienten (die in den USA sehr hoch sind) um 17% senken konnte. In der Kontrollgruppe waren es nur 13%, und der Unterschied war nicht signifikant.

Die zweite untersuchte ein zwischen öffentlicher und Krankenhausapotheke abgestimmtes Medikationsmanagement. Diese Intervention senkte die Häufigkeit arzneimittelbezogener Krankenhausaufnahmen im Vergleich zu Einrichtungen ohne die Intervention um 36,5%. Bei jährlichen Kosten für das Programm in Höhe von ca. 1,8 Mio $ und einer berechneten jährlichen Einsparsumme von 6,6 Mio $ betrug der Return on Investment 2,64.

Insgesamt: Kosteneffektivität und große Heterogenität

Wie schon in den vorangegangenen Reviews belegte die Mehrzahl der eingeschlossenen Studien einen gesundheitsökonomischen Nutzen durch die klinisch-pharmazeutischen Dienstleistungen. Die Robustheit der Methodik und die Arten der untersuchten Kosten und Outcomes waren sehr unterschiedlich. Daher war es auch nicht möglich, die Studienergebnisse zu aggregieren und einen Gesamtnutzen zu berechnen. Ein Grund für die Variabilität mag der Umstand sein, dass die Dienstleistungen in der Regel auf die jeweilige Situation in der Patientenversorgung zugeschnitten und insofern kaum zu standardisieren sind.

Was ist ‚Klinische Pharmazie‘?

Das American College of Clinical Pharmacy definiert ‘Klinische Pharmazie’ als individualisierte Versorgung von PatientInnen durch ApothekerInnen, in der die Arzneimitteltherapie optimiert und die Gesundheit gefördert wird. Ferner setzt sie sich für die Prävention von Krankheiten ein. Sie erstreckt sich inzwischen auf das Management chronischer Erkrankungen im ambulanten Bereich, also in der öffentlichen Apotheke, Prävention durch Impfungen und Integration in Team-basierte Versorgungsmodelle [5].

Quellen:

[1] Schumock GT et al.: Economic evaluations of clinical pharmacy services—1988-1995. The Publications Committee of the American College of Clinical Pharmacy. Pharmacotherapy 1996; 16(6):1188–1208

[2] Schumock GT et al.: Evidence of the economic benefit of clinical pharmacy services: 1996-2000. Pharmacotherapy 2003; 23(1):113–132

[3] Perez A et al.: American College of Clinical Pharmacy. ACCP: economic evaluations of clinical pharmacy services: 001–2005. Pharmacotherapy 2009; 29(1):128

[4] Touchette DR et al.: Economic evaluations of clinical pharmacy services: 2006-2010. Pharmacother J Hum Pharmacol Drug Ther 2014; 34(8):771–793

[5] Talon B et al.: Economic evaluations of clinical pharmacy services in the United States: 2011-2017. J Am Coll Clin Pharm 2020; 3:793–806

Bildnachweis: © mohamed hassan / pixabay

Masken und Handschuhe: helfen sie?

Professionelle Atemschutzmasken und Handschuhe waren in Apotheken schnell vergriffen als Corona erst als Nachricht und dann als Ansteckungswelle in Europa eintraf. WHO und RKI waren sich einig: Das mache nichts, die Bevölkerung habe keinen Nutzen davon. Wichtiger sei es, das medizinische Personal damit auszustatten.

Richtig so: Wenn Pflegekräfte, Ärzte und Apotheker sich nicht schützen können und dann erkranken, bricht unsere Gesundheitsversorgung zusammen, und sie haben großes Potenzial als ‚Super-Spreader‘.

Nun gilt aber überall spätestens ab Montag die Pflicht, zum Gang in die Öffentlichkeit Mund und Nase mit selbstgemachtem Schutz zu bedecken („Mund-Nase-Bedeckung“, MNB).

Seither streiten sich die Geister: Ist doch völlig logisch, dass ein MNB und Handschuhe besser sind als nichts, sagen die einen. MNB und Handschuhe schützen nicht vor Ansteckung, sagen die anderen.

Und beide haben recht – wie kann das sein?

MNB und Handschuhe sind Barrieren, von denen man erwarten kann, dass sie das zurückhalten, was sich nicht verbreiten soll. Klingt logisch, zumindest wenn es sich um geeignetes Material in geeigneter Verarbeitung handelt. Aber ihre Schutzwirkung ist auch davon abhängig, WIE sie eingesetzt werden. Und da gibt es viele Dinge, die man NICHT tun sollte, denen man aber tagtäglich auf der Straße oder auf Bildern in den Medien begegnet.

Für die MNB sind das:

  • MNB nur über dem Mund statt über Mund und Nase tragen
  • MNB unters Kinn ziehen
  • auf die Außenfläche der MNB fassen (ohne direkt danach die Hände zu reinigen)
  • in die Hand husten (ohne direkt danach die Hände zu reinigen)
  • das Telefon oder andere Gegenstände mit der Außenseite in Kontakt bringen (ohne sie danach zu reinigen)
  • MNB „auf links“ tragen, damit die nasse Innenseite außen trocknen kann
  • dichter als 2 Meter zum Nächsten aufrücken

Die folgende Collage zeigt in Bildbeispielen – verfremdet, um Persönlichkeits- und Bildrechte nicht zu verletzen – was man besser nicht mit seiner MNB tun sollte.

Was man falsch machen kann, wenn man Handschuhe trägt, zeigt der nachfolgende Youtube-Beitrag (in englischer Sprache, aber dennoch unmissverständlich):

Menschen, die sich durch den Gebrauch von Handschuhen und MNB sicher fühlen, damit aber nicht richtig umgehen, haben bestenfalls keinen Nutzen – schlechterenfalls aber ein erhöhtes Ansteckungsrisiko gegenüber jemandem, der vorsichtig ist, weil er keine Schutzmaßnahmen verwendet.

Darum: Wenn Menschen in die Apotheke kommen und um Rat fragen, erklären Sie ihnen, wie MNB und Handschuhe erst durch die korrekte Anwendung zu Schutzmaßnahmen werden.

In einer einfachen Formel: Nutzen = Schutzmittel + korrekte Handhabung.

Mit kollegialem Gruß und: bleiben Sie gesund!

Dorothee Dartsch

Bildnachweis: © Dorothee Dartsch

Mund-Nasen-Schutz stoppt ausgehustete SARS-CoV2-Viren nicht

Eine Studie mit vier COVID-2-positiven Patienten zeigt, dass weder ein chirurgischer, noch ein Mund-Nasen-Schutz aus Baumwolle SARS-CoV2-Viren zurückhält, wenn die Patienten unter diesem Schutz husten [1]. Die austretenden Viruspartikel konnten in Petrischalen über eine Distanz von 20cm und auf der Außen(!)seite des Schutzes nachgewiesen werden. Ob die Reichweite der ausgehusteten Viren durch den Mund-Nasen-Schutz beeinflusst wird, ist nicht bekannt.

Eine bereits früher durchgeführte Studie [2] weist dagegen darauf hin, dass ein chirurgischer Mund-Nasen-Schutz saisonale Influenza-, Rhino- und Coronaviren zurückhalten kann, wenn der Patient unter dem Schutz normal atmet. Husten wurde in dieser Studie nicht untersucht.

Beides sind Studien unter Laborbedingungen und mit wenigen Probanden. Darum sind diese Daten nur als erste Hinweise zu werten. In der Apotheke sollten aber MitarbeiterInnen wie PatientInnen darauf hingewiesen werden, dass ein Mund-Nasen-Schutz unabhängig vom Material nur einen begrenzten Schutz bietet. Das Tragen darf die persönlichen Schutzmaßnahmen (Abstand halten, Husten und Niesen in die Armbeuge, Handhygiene) keinesfalls ersetzen.

Entscheidungen über die Lockerung allgemeiner Schutzmaßnahmen, wie z.B. Aufhebung von Versammlungsverboten oder Wiederöffnung von Schulen und Kindergärten, unter der Bedingung, dass alle einen Mund-Nasen-Schutz tragen, sollten diese Erkenntnisse berücksichtigen.

Quellen

[1] Bae et al.: Effectiveness of Surgical and Cotton Masks in Blocking SARS–CoV-2: A Controlled Comparison in 4 Patients. Ann Intern Med. 2020. DOI: 10.7326/M20-1342

[2] Leung et al.: Respiratory virus shedding in exhaled breath and efficacy of face masks. Nat Med (2020). https://doi.org/10.1038/s41591-020-0843-2

Bildnachweis: © bittedankeschön / Adobe Stock

Leitlinie: Arzneimittelbedingte Leberschädigung

Hepatotoxizität ist als Typ B-Nebenwirkung pro Arzneimittel sehr selten – aber es gibt viele Arzneimittel, Phytopharmaka und Nahrungsergänzungsmittel mit hepatotoxischen Potenzial. Würde man alles vom Markt nehmen, was hepatotoxisch ist, bliebe kaum etwas übrig. Apotheker und Ärzte brauchen daher Kriterien zur Vermeidung, zur Erkennung und zum Management der Hepatotoxizität. Diese Kriterien finden sich in der neuen Leitlinie zur Bewertung und zum Umgang mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen auf die Leber (drug-induced liver injury, DILI) der European Association for the Study of the Liver (EASL).

Intrinsische versus idiosynkratische Mechanismen

Von einer idiosynkratisch en Reaktion spricht man, wenn diese nur bei prädisponierten Menschen auftritt, dann allerdings schon bei bestimmungsgemäßer Anwendung. Darum ist sie unvorhersehbar. Eine intrinsische Reaktion ist dosisabhängig und tritt erst bei sehr hoher oder sogar Überdosierung auf, dies aber bei jedem exponierten Menschen.

Bekannte Beispiele für intrinsisch hepatotoxische Wirkstoffe sind Amiodaron, anabole Steroide, Ciclosporin, Valproat, HAART-Wirkstoffe, Heparine und Paracetamol. Häufig eingesetzte idiosynkratisch hepatotoxische Wirkstoffe sind zum Beispiel Allopurinol, Amoxicillin (v.a. mit Clavulansäure), Diclofenac, Ibuprofen, Lisinopril oder Sulfonamide. Amiodaron und Statine können sowohl intrinsische als auch idiosynkratische lebertoxische Reaktionen hervorrufen.

Die meisten intrinsisch hepatotoxischen Wirkstoffe sind lipophil und werden hepatisch eliminiert. Aber nicht jeder Wirkstoff, der über die Leber verstoffwechselt wird, ist automatisch hepatotoxisch – eine häufig anzutreffende Fehlannahme! Voraussetzung für intrinsische Hepatotoxizität ist, dass bei der Metabolisierung ein reaktiver Metabolit entsteht, der in klinisch relevantem Ausmaß direkt vor Ort mit Leberproteinen reagiert, lokal oxidativen Stress verursacht oder Signalwege stimuliert, die Hepatozyten in den Zelltod befördern. Manche Menschen neigen zu einer HLA-gebundenen adaptiven Immunantwort auf sub-klinische Veränderungen in der Leber. Bei ihnen können die o.g. Wirkstoffe idiosynkratisch hepatotoxisch wirken.

Ursachensuche im Pflanzenreich

Einen hohen Anteil an den Fällen von intrinsischer Hepatotoxizität haben pflanzliche Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel. Besonders Pyrrolizidinalkaloide, die in mehr als 6.000 Pflanzenarten vorkommen, sind problematisch. Die Leitlinie empfiehlt daher, bei Patienten mit Verdacht auf arzneimittelbedingte Leberschädigung auch nach pflanzlichen Arzneimittel inkl. TCM und nach Nahrungsergänzungsmitteln zu suchen.

Laborparameter und ihre Bewertung

Alanin-Aminotransferase (ALT), Alkalische Phosphatase (AP) und Bilirubin sind wichtige Laborparameter zur Erkennung der Hepatotoxizität, wenn sie eines der drei folgenden Kriterien erfüllen:

  • ALT erreicht oder überschreitet das Fünffache des oberen Referenzwertes (Upper Limit of Normal, ULN),
  • AP erreicht oder überschreitet 2 x ULN, v.a. wenn der AP-Anstieg nicht durch knochenbedingte Prozesse zu erklären ist oder zugleich die Gammaglutamyltransferase (GGT) erhöht ist, ODER
  • ALT erreicht oder überschreitet 3 x ULN und Gesamtbilirubin 2 x ULN

Für Patienten, deren Leberwerte ohne pathologische Bedeutung von sich aus erhöht sind (z.B. Bilirubin beim Gilbert-Syndrom) werden statt der ULN die individuellen Basiswerte verwendet.

Wenn ein als potenziell hepatotoxisch bekanntes Arzneimittel angesetzt werden soll, ist es ratsam, zuvor die o.g. Parameter als Basiswerte zu bestimmen. Zu Beginn der Therapie (in den ersten 8-12 Wochen) sollten die Werte ebenfalls ca. im 2-Wochenabstand gemessen werden. Danach können Messungen seltener erfolgen, wenn keine der folgenden Veränderungen erkennbar waren.

Hepatotoxizität Grad 1
ALT ≤3 x ULN
AST ≤3 x ULN
Bili ≤1,5 x ULN
AP ≤2,5 x ULN
Adaptive Phase mit guter Chance, sich im Verlauf zu normalisieren; unkritisch, sofern ein immunologisches bzw. allergisches Geschehen mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann. Therapie mit engmaschigem Follow-up fortsetzen
Grad 2
ALT 3–5 x ULN
AST 3–5 x ULN
Bili 1,5–3,0 x ULN
AP 2.5–5,0 x ULN
Vermuteten Auslöser / Therapie pausieren, ALT, AST, Bilirubin, AP, INR und Albumin 2x wöchentlich monitorieren. Bei Normalisierung innerhalb von 2 Wochen kann die Therapie fortgesetzt werden, bestehen die Veränderungen länger, nicht.
Grad 3 oder 4
Grad 3
ALT 5–20 x ULN
AST 5–20 x ULN
Bili 3–10 x ULN
AP 5–20 x ULN
Grad 4
ALT >20 x ULN
AST >20 x ULN
Bili>10 x ULN
AP >20 x ULN
Vermuteten Auslöser und alle potenziell hepatotoxischen Therapien absetzen bis die Hepatotoxizität vollständig abgeklungen ist. ALT, AST, Bilirubin, AP, INR und Albumin täglich monitorieren. Patienten mit Bilirubin ≥ 2,5 mg/dl und/oder INR ≥1,5 sollten wegen des Risiko eines bevorstehenden Leberversagens ins Krankenhaus eingewiesen werden. Abgesetzte Wirkstoffe einzeln und unter Monitoring wieder starten, den vermuteten Auslöser nach Möglichkeit dauerhaft vermeiden, da eine zweite solche Episode oft eine schlechtere Prognose hat.

Welcher Wirkstoff als Auslöser verdächtigt werden sollte, hängt einerseits vom zeitlichen Zusammenhang ab, andererseits von der Art der Leberschädigung, die durch zusätzliche Diagnostik charakterisiert wird, und dem Mechanismus der fraglichen Wirkstoffe. Beides wird in der Leitlinie detailliert dargestellt. Das dritte Kriterium ist die An- oder Abwesenheit alternativer Auslöser für die beobachteten Veränderungen wie z.B. das Vorliegen einer Hepatitis.

Ist die Leberschädigung irreversibel, entsteht daraus eine Eliminationsstörung für Wirkstoffe mit hoher hepatischer Clearance. Wenn Sie mehr über diese Thema wissen möchten, sind Sie uns herzlich willkommen im Online-Seminar „Arzneimitteltherapie für Patienten mit Eliminationsstörungen“ (nächster Lauf 16.04.-13.05.). Dann geht es außerdem um die Niereninsuffizienz.

Quelle

EASL Clinical Practice Guidelines 2019: Drug-induced liver injury. Journal of Hepatology 2019; 70:1222–1261

Bildnachweis: © ufotopixl10 / Adobe Stock

Literaturüberblick: COVID-19 & Chloroquin

Apotheker, Ärzte und Pflegende versorgen Menschen nicht nur mit Therapien, sondern auch mit Informationen. Dieser Überblick über aktuell verfügbare Literatur zum Einsatz von Chloroquin und Hydroxychloroquin bei COVID-19 soll dabei helfen. In einem anderen Artikel finden Sie einen Vergleich der beiden Wirkstoffe.

+++Update+++: Die FDA hat Chloroquin und Hydroxychloroquin per „Emergency Use Authorization“ (EUA) zur Behandlung von Erwachsenen und Jugendlichen mit COVID-19 zugelassen, spricht aber auch von „limitierten in-vitro-Daten und anekdotischer klinischer Erfahrung“. Man solle diese Behandlung daher vorzugsweise im Rahmen von klinisichen Studien unternehmen. Die EUA dient der Erleichterung der Behandlung von COVID-19-Patienten, die nicht an einer Studie teilnehmen können. Mit dieser Regelung wurden auch Factsheets zu Chloroquin und Hydroxychloroquin veröffentlicht.

Leitlinien:

In vitro-Daten:

  • Wang M, Cao R, Zhang L et al. Remdesivir and chloroquine effectively inhibit the recently emerged novel coronavirus (2019-nCoV) in vitro. Cell Res. 2020; 30:269-271. (PubMed 32020029) (DOI 10.1038/s41422- 020-0282-0)
  • Keyaerts E, Vijgen L, Maes P et al. In vitro inhibition of severe acute respiratory syndrome coronavirus by chloroquine. Biochem Biophys Res Commun. 2004; 323:264-8. (PubMed 15351731) (DOI 10.1016/j. bbrc.2004.08.085)
  • Yao X, Ye F, Zhang M et al. In Vitro Antiviral Activity and Projection of Optimized Dosing Design of Hydroxychloroquine for the Treatment of Severe Acute Respiratory Syn-drome Coronavirus 2 (SARS-CoV-2). Clin Infect Dis. 2020; In Press. (PubMed 32150618) (DOI 10.1093/cid/ciaa237)
  • Vincent MJ, Bergeron E, Benjannet S et al. Chloroquine is a potent inhibitor of SARS coronavirus infection and spread. Virol J. 2005; 2:69. (PubMed 16115318) (DOI 10.1186/1743-422X-2-69)
  • Liu J et al.: Hydroxychloroquine, a less toxic derivative of chloroquine, is effective in inhibiting SARS-CoV-2 infection in vitro. Cell Discov. 2020 Mar 18;6:16. doi: 10.1038/s41421-020-0156-0. eCollection 2020.

Studien:

  • Gautret P, Lagier JC, Parola P et al. Hydroxychloroquine and azithromycin as a treatment of COVID-19: results of an open-label non-randomized clinical trial. Int J Antimi-crob Agnts. 2020; In Press. (DOI 10.1016/jantimicag.2020.105949)
  • Study to evaluate efficacy and safety of hydroxychloroquine for treatment of pneumonia caused by 2019-nCoV (HC-nCoV). NCT04261517. https://www.clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT04261517.

Übersichtsarbeiten:

  • Devaux CA, Rolain JM, Colson P et al. New insights on the antiviral effects of chloroquine against coronavirus: what to expect for COVID-19?. Int J Antimicrob Agents. 2020; :105938. (PubMed 32171740) (DOI 10.1016/j. ijantimicag.2020.105938)
  • Cortegiani A, Ingoglia G, Ippolito M et al. A systematic review on the efficacy and safety of chloroquine for the treatment of COVID-19. J Crit Care. 2020; (PubMed 32173110) (DOI 10.1016/j.jcrc.2020.03.005)
  • Li H et al.: Updated approaches against SARS-CoV-2. Antimicrob Agents Chemother. 2020 Mar 23. pii: AAC.00483-20. doi: 10.1128/AAC.00483-20. [Epub ahead of print]

Meinungen:

  • Colson P, Rolain JM, Lagier JC et al. Chloroquine and hydroxychloroquine as available weapons to fight COVID-19. Int J Antimicrob Agents. 2020; :105932. Editorial. (PubMed 32145363) (DOI 10.1016/j. ijantimicag.2020.105932)
  • Gao J, Tian Z, Yang X. Breakthrough: Chloroquine phosphate has shown apparent efficacy in treatment of COVID-19 associated pneumonia in clinical studies. Biosci Trends. 2020; 14:72-73. (PubMed 32074550) (DOI 10.5582/bst.2020.01047)
  • Zhou D et al.: COVID-19: a recommendation to examine the effect of hydroxychloroquine in preventing infection and progression. J Antimicrob Chemother. 2020 Mar 20. pii: dkaa114. doi: 10.1093/jac/dkaa114. [Epub ahead of print]
  • Sahraei Z et al.: Aminoquinolines Against Coronavirus Disease 2019 (COVID-19): Chloroquine or Hydroxychloroquine. Int J Antimicrob Agents. 2020 Mar 16:105945. doi: 10.1016/j.ijantimicag.2020.105945. [Epub ahead of print]

Laufende Studien (clinicaltrials.gov):

  • Chloroquine Prevention of Coronavirus Disease (COVID-19) in the Healthcare Setting (COPCOV). Fragestellung: Chloroquin als Infektionsprophylaxe für Personen in Hochrisiko-Bereichen. (NCT04303507)
  • The Clinical Study of Carrimycin on Treatment Patients With COVID-19. Fragestellung: Kriterien für die Behandlung mit Carrimycin, Lopinavir/Ritonavir, Umifenovir oder Chloroquin. (NCT04286503)
  • Norwegian Coronavirus Disease 2019 Study (NO COVID-19). Fragestellung: Wirksamkeit von Hydroxychloroquin. (NCT04316377)
  • Treatment of COVID-19 Cases and Chemoprophylaxis of Contacts as Prevention (HCQ4COV19). Fragestellung: Chloroquin als Infektionsprophylaxe für Kontaktpersonen von Infizierten. (NCT04304053)
  • Various Combination of Protease Inhibitors, Oseltamivir, Favipiravir, and Hydroxychloroquine for Treatment of COVID19 : A Randomized Control Trial (THDMS-COVID19). Fragestellung: Wirksamkeit verschiedener Kombinationen aus Virustatika und Chloroquin. (NCT04303299)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn Sie weitere Vorschläge für diese Liste haben, kontaktieren Sie uns gerne, z.B. über unser Kontaktformular. Wir nehmen Ihre Vorschläge auf, und Andere freuen sich darüber.

Bildquelle: © Fotomek / Adobe Stock

Chloroquin-Rezepturen

Wenn sich Chloroquin zur Therapie von COVID-19-Erkrankten als wirksam erweist, brauchen Kinder, Senioren mit Schluckbeschwerden oder Menschen mit Sondenernährung flüssige Darreichungsformen in passender Stärke.

Als Fertigarzneimittel gibt es eine Injektionslösung für die Infusion und“Junior“-Tabletten, die 81 statt der 250 mg Chloroquinphosphat für Erwachsene enthalten. Hydroxychloroquin ist nur als Tablette mit 200mg Hydroxychloroquinsulfat im Handel.

Die American Society of Hospital Pharmacists (ASHP) stellt Herstellungsanleitungen für eine Suspension (15mg/ml) und einen Sirup (16,7mg/ml) mit Chloroquinphosphat zur Verfügung. Die Stabilität der Suspension wird mit 60, die des Sirups mit 28 Tagen angegeben. Beide können bei Raumtemperatur oder eingefroren gelagert werden. Hier gehts zum pdf bzw. zum Link.

Achtung: Kinder scheinen 4-Aminochinolinderivate schlechter zu vertragen als Erwachsene. Todesfälle sowohl nach oraler Einnahme von weniger als 1g als auch nach parenteraler Gabe sind berichtet, nach parenteraler Gabe auch schwere Unverträglichkeitsreaktionen. Eltern müssen unbedingt darauf achten, Chloroquin außerhalb der Reichweite von Kindern aufzubewahren.

Bildnachweis: © Yuri Arcurs / iStock

Wie bestimmt man das ASCVD-Risiko?

ASCVD steht für ‚Atherosclerotic cardiovascular disease‘. Das Risiko eines Patienten, innerhalb von 10 Jahren eine solche ASCVD zu entwickeln, ist eine wichtige Determinante für die Begründung einer lipidsenkenden Therapie. Es hilft also auch in der Apotheke bei der Medikationsanalyse, um die Verordnung eines Lipidsenkers nachzuvollziehen.

Zum Beispiel lässt sich das Risiko über http://www.heartscore.org/de_DE berechnen (kostenlose Registrierung nötig).

Für den Rechner werden Alter und Geschlecht des Patienten sowie systolischer Blutdruck, Gesamt-Cholesterol und die Einteilung in Raucher oder Nicht-Raucher benötigt. Aus diesen Angaben wird das 10-Jahres-Risiko für den Tod an einer kardiovaskulären Erkrankung ermittelt.

Ohne Registrierung, dafür in englischer Sprache, lässt sich das 10-Jahres-ASCVD-Risiko beispielsweise auf der Seite https://clincalc.com/cardiology/ascvd/pooledcohort.aspx berechnen. Hier werden zusätzlich zu den o.g. Faktoren auch das HDL-C und eine Diabetes-Erkrankung berücksichtigt.

Bildnachweis: © ap_i / Adobe Stock

COVID-19-Online-Kurs

Nachtrag 17.03.2020
Inzwischen gibt es einen sehr informativen täglichen Podcast vom NDR zu Fragen rund um SARS-Cov-2 und COVID-19 („Corona-Podcast„), den ich sehr empfehlen kann. Und zwar über diese Seite: https://www.ndr.de/nachrichten/info/. Täglicher Interviewpartner ist Prof. Dr. C. Drosten, Virologe der Berliner Charité. Die aktuelle Folge wird als Podcast. vergangene Folgen als pdf angeboten.

Die WHO bietet einen kostenfreien einstündigen Online Kurs „Infection Prevention and Control (IPC) for Novel Coronavirus (COVID-19)“ für Angehörige der Heil- und Gesundheitsberufe sowie eine Interviewaufzeichnung für die Allgemeinbevölkerung mit Fragen und Antworten rund um das Thema „Reisen in COVID-19-Zeiten“ an. Beides halten wir für Apothekerinnen und Apotheker für relevant und interessant.

Das Interview mit Dr. Carmen Dolea, Head of International Regulations Sekretariat der WHO, finden Sie hier: https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/travel-advice. Es dauert 23 Minuten und enthält Risikoeinschätzungen und Empfehlungen für Passagiere, FlughafenmitarbeiterInnen und FlugbegleiterInnen vom 12.02.2020.

Der Online-Kurs gliedert sich in drei Module:

  • Module 1: Preparedness, readiness and IPC: Überblick über die Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der Infektion zwecks Vorbereitung auf einen Anstieg der Fallzahlen.
  • Module 2: The novel coronavirus (COVID-19): Epidemiologie, Risikofaktoren, Definitionen, Symptome der Infektion mit COVID-19.
  • Module 3: Standard precautions, transmission-based precautions & COVID-19 specific recommendations: Diskussion der empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen.

Lernziele:

Nach Beendigung des Kurses sollten Sie in der Lage sein,

  • die Präventions- und Kontrollmaßnahmen für COVID-19 und ihre Bedeutung darzustellen;
  • die aktuelle epidemiologische Lage zu beschreiben, einschließlich der Definition und Symptomatik eines „Falls“;
  • die administrativen und technischen Kontrollmaßnahmen rund um einen infektiösen Patienten zu beschreiben;
  • die von der WHO empfohlenen Präventions- und Kontrollmaßnahmen für Einrichtungen der Gesundheitsversorgung zu beschreiben.

Vorsorglich möchten wir darauf hinweisen, dass wir keine Fragen aus der Allgemeinbevölkerung beantworten, sondern Schulungen für Angehörige der Heilberufe anbieten. Bitte wenden Sie sich mit Fragen zu COVID-19 z.B. an das Robert-Koch-Institut oder Ihr regionales Gesundheitsamt. Vielen Dank.

Neue Datenbank: Pädiatrische Rezepturen

Die gängigen Fertigarzneimittel sind für Kinder meist zu hoch dosiert, so dass eine wesentliche Aufgabe des Apothekers bei der Therapieoptimierung für diese Altersgruppe im Anfertigen einer Rezeptur besteht, die pharmazeutische Stabilität und Akzeptanz beim Kind vereint.

Um hierfür die gesammelte Erfahrung europäischer Apothekerinnen und Apotheker als Hilfestellung anzubieten, ist vor einigen Tagen das European Paediatric Formulary an den Start gegangen. Es bietet kostenfreien Zugang zu kindgerechten Rezepturen (kostenfreie Registrierung erforderlich).

Momentan sind die ersten zwei Rezepturen verfügbar: Hydrochlorothiazid-Saft 0.5 mg/ml und Sotalolhydrochlorid-Saft 20 mg/ml.

Urheber und Betreiber der Datenbank sind das European Committee on Pharmaceuticals and Pharmaceutical Care und die Europäische Arzneibuch-Kommission.

Quelle:

https://paedform.edqm.eu/home [Zugriff 20.12.2019]

Bildquelle: © Production Perig / Adobe Stock