Risikofaktoren für QTc-Zeit-Verlängerung und Torsaden

Wer sich mit Arzneimittelinteraktionen und speziell mit Interaktionen beschäftigt, die die QTc-Zeit verlängern, weiß, wie schwierig es ist, die klinische Relevanz einzuschätzen. In den Interaktionsdatenbanken der Apotheken taucht die Warnung vor einer QTc-Verlängerung mit großer Regelmäßigkeit auf und stellt die Apothekerin bzw. den Apotheker vor die Frage, wie darauf zu reagieren ist.

Für die klinische Relevanz, also die Wahrscheinlichkeit, dass die Interaktion sich tatsächlich bemerkbar macht, spielt die An- oder Abwesenheit von Risikofaktoren eine wichtige Rolle.

Diese Risikofaktoren finden sich nun in einer Liste auf der frei zugänglichen Website www.QTFactors.org, einem Zweig der Seite www.crediblemeds.org, auf der QTc-verlängernde Wirkstoffe ihrem Risiko nach eingestuft werden. Beide Seiten unterscheiden zwischen einer „nur“ QTc-verlängernden und einer nachweislich Torsaden-auslösenden Wirkung. Da beide nur schlecht korreliert sind, ist auch die Unterscheidung eine wichtige Hilfe bei der Beurteilung der Relevanz.

Mehr zum Thema QTc-Verlängerung: https://www.campus-pharmazie.de/qt-interaktion-relevant/

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Apotheker in der Notaufnahme: Was bringt’s? [Studie 2]

Viele Patienten, die in die Notaufnahme kommen, haben zusätzlich zu ihrem akuten Problem bereits chronische Erkrankungen und eine Polymedikation, so dass insgesamt ein größeres Risiko für unerwünschte Wirkungen, erhöhte Morbidität und Mortalität besteht. Zugleich steht das medizinische Personal in überfüllten Notaufnahmen unter erheblichem Zeitdruck.

In dieser Situation kann die Beteiligung von Apothekern dazu beitragen, die Behandlungsergebnisse zu verbessern. Das wird u.a. in vier Studien belegt, die wir hier  in vier sequenziellen Beiträgen beispielhaft vorstellen.

Zur Studie 1 geht es hier, zur Studie 3 hier und zur Studie 4 hier.

Studie 2: Pharmazeutische Arzneimittel-Anamnese bei Aufnahme

Bei 270 Patienten, die in einem von drei Lehrkrankenhäusern in Bogotà, Kolumbien, in die Notaufnahme eingewiesen wurden, erfolgte die Arzneimittel-Anamnese entweder standardmäßig, d.h. durch medizinisches Personal (Kontrollgruppe), oder durch einen  Apotheker (Interventionsgruppe), der im Gespräch mit Patienten und Angehörigen (wenn nötig, telefonisch), aus aktuellen Verordnungen und anhand mitgebrachter Medikation eine umfassende Medikationsliste erstellte [1]. Nachdem die Ärzte der Notaufnahme die initiale Klinikmedikation verordnet hatten, prüften zwei Gutachter diese Medikation auf Diskrepanzen mit der vorbestehenden Medikation des Patienten. Danach wurden unbeabsichtigte Diskrepanzen natürlich ausgeräumt.

Idealerweise sollte die Vormedikation in der Klinikmedikation enthalten und alle Abweichungen durch die akute Situation begründbar sein. Die Gutachter prüften dies, sowie die Wahrscheinlichkeit, dass etwaige nicht zu begründende Diskrepanzen den Patienten gefährden.

Ergebnisse

Im Schnitt traten je Patient mehr als drei nicht zu begründende und daher vermutlich nicht beabsichtigte Diskrepanzen auf. Ein Drittel davon wurde als nicht relevant eingestuft, 43% hätten bei Fortbestand der initialen Klinikmedikation milde und 24% schwere unerwünschte Folgen haben können.

Zwei Drittel der Abweichungen fanden sich bei den Patienten der Kontroll- und ein Drittel bei den Patienten der Interventionsgruppe. Die folgende Abbildung zeigt die Diskrepanzen aufgeschlüsselt nach Schweregrad der potenziellen Folgen und Gruppe:

 

Methodik

Die Parallelgruppen-Studie war multizentrisch, doppel-blind, randomisiert und kontrolliert. Beide Studiengruppen waren hinsichtlich aller Patientencharakteristika vergleichbar.

Fazit

An der Schnittstelle zur Notaufnahme wird die Vormedikation häufig nicht zu 100% erfasst. Apotheker, die in der Notaufnahme die Arzneimittelanamnese durchführen, reduzieren die Häufigkeit unbeabsichtigter Diskrepanzen zwischen vorbestehender Haus- und Klinikmedikation etwa um ein Drittel.

Quelle

[1] J Becerra-Camargo et al.: The effect on potential adverse drug events of a pharmacist-acquired medication history in an emergency department: a multicentre, double-blind,  randomised, controlled, parallel-group study. BMC Health Services Research 2015; 15:337

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Newsletter Nr. 03/2015

Mit campus Pharmazie in den Sommer

 

Und es nützt doch! Frische Studien zum Medikationsmanagement aus Deutschland und Spanien belegen den klinischen Nutzen (s.u.). Das ist eine Honorierung des Aufwands wert.

 

Medikationsmanagement bei jugendlichen Diabetikern: In unserem Blog stellen wir Ihnen die aktuelle Veröffentlichung zur Diadema-Studie und ihre Ergebnisse vor. Die Studie zeigt: Der Apotheker in der medizinischen Versorgung von Diabetikern optimiert den HbA1c deutlich.

 

Medikationsmanagement für Chroniker: Aus einer Studie spanischer Kollegen erfahren wir: Klinisches Medikationsmanagement verbessert klinische Parameter bei chronisch Kranken. Die Ergebnisse sind deutlich und beeindruckend: Details dazu finden Sie hier.

 

Medikationsanalyse-Fortbildung mit der Apothekerkammer HH: Zum 2. Mal gab es ein Blended-Learning mit der Apothekerkammer HH zu diesem Thema. Ablauf und Bewertung haben wir auf unserer Website zusammengestellt. Ein O-Ton für Sie:

„Gefallen hat mir das Lernen durch Beiträge anderer Teilnehmer und die Moderation, das gemeinsame Ideen sammeln, die sich aufbauenden Fragestellungen.“

So soll es sein und das freut uns sehr. Vielleicht in der nächsten Runde mit Ihnen?

 

Paracetamol – nicht so sicher wie gedacht? Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zeigt: auch PCM scheint kardiovaskuläre, gastrointestinale und renale unerwünschte Wirkungen auszulösen.

 

Evaluation der Seminare 2014: Auch in diesem Jahr hatten wir auf der ADKA-Tagung Gelegenheit, unsere Evaluationsergebnisse zu präsentieren. Lesen Sie auch online, wie die Teilnehmerschaft unserer Online-Seminare 2014 aussah und wie sie die einzelnen Seminar-Bestandteile, die Moderation und nicht zuletzt ihren Lernerfolg einschätzt.

 

Online-Seminare in der 2. Jahreshälfte: Sie wollen noch 2015 Ihre Fähigkeiten im Medikationsmanagement ausbauen? Da haben wir drei gute Nachrichten für Sie:

„Unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Pharmakovigilanz“ 03.09.- 30.09.2015
„Medizinische Literaturrecherche und Arzneimittelinformation“ 05.11.- 02.12.2015
„Arzneimitteltherapie bei Patienten besonderer Altersgruppen“ 05.11.- 02.12.2015

Weiterführende Informationen und Anmeldung finden Sie hier.

Wir freuen uns auf Sie!

 

Kollegial grüßen in die Sommerferien

Dr. Dorothee Dartsch (Klinische Pharmazie)
Jasmin Hamadeh (Mediendidaktik und Lernorganisation)

NOAK überlegen und sicher

Klarstellung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e.V. (DGK)

Die DGK stellte Anfang der Woche in einer Pressemeldung Ihre Sicht auf die neuen (direkten) oralen Antikoagulanzien (NOAK oder DOAK) dar:

Ihr Fazit lautet:

  • Die „oft einseitige Darstellung der möglichen Risiken dieser Medikamente“ verunsichere Patienten wie Verordner.
  • Bei Beachtung der in den Fachinformationen genannten Kontraindikationen und Monitoringmaßnahmen sowie der geltenden Kriterien für die Indikation (CHA2DS2VASc- und HAS-BLED-Score bei Vorhofflimmern) seien die anwenderfreundlicheren NOAK angesichts der wissenschaftlichen Evidenz als sicher zu bezeichnen.
  • In Hinblick auf die Kosten heißt es: „Arzneimittelbudgets, die nur die reinen Arzneimittelkosten im Blick haben und nicht die Gesamtkosten für das Gesundheitssystem, sind kurzsichtig.“ Die höheren Arzneimittelpreise der NOAK würden durch „mögliche Einsparungen bei Reha-Maßnahmen und in der dauerhaften Versorgung“ der Schlaganfall-Patienten relativiert.

Quelle: Pressetext DGK 06/2014

 

Polypharmazie – ein Risiko?

Neue Studie zum Risiko der Polypharmazie

Männchen jongliert mit PillenAn einem Kollektiv von über 180.000 erwachsenen Patienten in Schottland wurde der Zusammenhang zwischen der Zahl der eingenommenen Arzneimittel und der ungeplanten Klinikeinweisungen untersucht [1].

Das Ergebnis: Bei Patienten mit mehreren Erkrankungen führt Polypharmazie nicht per se häufiger zu Klinikeinweisungen als ‚keine Therapie‘:

  • Bereits bei zwei Co-Morbiditäten haben Patienten ein gleich hohes Risiko für eine solche Einweisung wenn sie keine, wie wenn sie 4-6 Arzneimittel einnehmen.
  • Bei sechs oder mehr gleichzeitig bestehenden Erkrankungen haben Patienten ohne Therapie ein genau so hohes Risiko, ungeplant ins Krankenhaus zu müssen, wie Patienten mit 10 oder mehr Medikamenten an Bord. Patienten, die zwischen 1 und 9 Medikamente einnehmen, haben ein niedrigeres Risiko.

Auch wenn diese Studie zugunsten der Machbarkeit auf eine detaillierte Analyse der Schwere der Erkrankungen, der Komplexität der Therapiepläne und der Einweisungsgründe verzichtet hat, so dass mögliche wichtige Einflussfaktoren evtl. unberücksichtigt blieben, sind die große Zahl an Patienten und die Güte der routinemäßig elektronisch erhobenen Daten als Stärken hervorzuheben.

Dies zeigt deutlich, dass es ein Optimum an verordneten Arzneimitteln gibt, das von der Zahl der Co-Morbiditäten abhängt. Anders gesagt: Solange für jedes Arzneimittel eine Indikation vorliegt, schadet es dem Patienten nicht, sondern hilft ihm. Ein weiterer Anhaltspunkt dafür, dass die Bewertung und Optimierung von Arzneimitteltherapien von zentraler Bedeutung ist!

[1] RA Payne et al.: Is polypharmacy always hazardous? A retrospective cohort analysis using linked electronic health records from primary and secondary care. Br J Clin Pharmacol 2014, online 16. Januar; doi: 10.1111/bcp.12292

Warum ohne uns?

Die Knappschaft Bahn-See hat erkannt, dass unerwünschte Arz­neimittelwirkungen den Kran­kenkassen Kosten bescheren, und dass manche davon ver­meidbar wären. So z.B. uner­wünschte Wirkungen durch In­teraktionen zwischen rezept­pflichtigen und im Rahmen der Selbstmedikation erhältlichen Arznei- und Nahrungsergän­zungsmitteln. Sie investiert nun in Maßnahmen, um diese uner­wünschten Wirkungen zu ver­meiden und dadurch unter dem Strich Kosten einzusparen. Das ist zu begrüßen, denn es trägt zur Erhöhung der Arzneimittel­therapiesicherheit (AMTS) bei.

Am 14. Juni stellte die Referen­tin und AMTS-Projektleiterin der Knappschaft, Frau C. Vös­sing, auf dem 4. Deutschen Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie in Berlin vor, wie die Knappschaft dieses Ziel erreichen möchte: Geplant ist ein Projekt, in dem die Versicherten individualisierte Briefe erhalten sollen, die den Patienten erklären, welche wei­teren nicht rezeptpflichtigen Arzneimittel aufgrund ihrer re­zeptpflichtigen Medikation für sie grundsätzlich Probleme be­reiten können und daher vermie­den werden sollten.

Sorgen macht mir einerseits, dass das die AMTS im Einzel­fall durchaus verschlechtern kann: man stelle sich z.B. vor, ein Patient nimmt seit langer Zeit sowohl Ciclosporin und Jo­hanniskraut ein, ist gut einge­stellt und setzt das Johannis­kraut nun plötzlich aufgrund des Warnbriefes ab – ohne Rück­sprache mit einem Heilberufler, ohne Monitoring, ohne Neuein­stellung der Dosis.

Ich frage mich aber vor allen Dingen: Was verleitet eine Krankenkasse, den erkannten Beratungsbedarf auf dem Postweg zu decken? Sie könnte statt­dessen ja auch Apotheker für diese Leistung entlohnen, die durch ihren direkten Patienten­kontakt offene Fragen und Miss­verständnisse ausräumen und sicherstellen können, dass die Information überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Auch ist die Beratungsleistung der Apotheker sofort bei jeder Ver­ordnung und bei jedem Wunsch nach freiverkäuflichen Arznei­mitteln verfügbar – nicht erst verzögert nach Auswertung der Verordnungsdaten, wenn man­che Arzneimittel eventuell schon gar nicht mehr verordnet wer­den.

Warum also ohne uns? Wie muss die Wahrnehmung der Krankenkasse(n) hinsichtlich der Leistungsfähigkeit der Apo­thekerschaft beschaffen sein, um so einen Weg zu gehen? Und das auf einem Feld, das Apothe­ker immer für sich beanspru­chen: Interaktionen zwischen re­zeptpflichtigen und freiverkäuf­lichen Arzneimitteln?! Sind es Zweifel an unserem Beratungs­willen? An unserer Leistungs­fähigkeit hinsichtlich Kompe­tenz und/oder Personaldecke? Zweifel daran, dass wir eine sol­che Leistung, deren Erfüllung man schwer kontrollieren kann, ehrlich erfüllen würden?

Was tun wir, um solche Zweifel zu nähren oder auszuräumen? Tun wir genug dafür, dass Dritte uns und unsere Leistung als wichti­ges Element der AMTS wahr­nehmen? Sind es zu wenige, die genug tun, zu viele, die zu pas­siv sind? Diese Fragen müssen wir Apo­theker uns in allen Berufsfeldern sehr kritisch stellen und ehrlich beantworten. Nur dann wird es möglich sein, erfolgreiche Stra­tegien zu entwickeln, um unse­ren Heilberuf für die Zukunft stark zu machen.

Dieser Gastkommentar von Prof. Dr. Dorothee Dartsch erschien in der DAZ Nr. 25 v. 20.08.2013

Eröffnung des 38. Wissenschaftlichen Kongresses der ADKA

Dresden, 31. Mai 2013

Heute Morgen wurde in Dresden der 38. Wissenschaftliche Kongress der ADKA eröffnet. Aus den Grußworten:

Dr. Torsten Hoppe-Tichy, Präsident der ADKA: Mit dem Apotheker am Patientenbett ist es wie mit der Anschnallpflicht. Alle wissen, dass es Sinn macht, aber ohne gesetzliche Regelung wird das nicht flächendeckend umgesetzt.

Thomas Ilka, Staatssekretär im BMG: Wir haben eines der besten Gesundheitssysteme weltweit, aber wir müssen es stetig weiter entwickeln. Wichtige Fragen sind: Wie kommen die Arzneimittel zum Patienten? Wie werden sie sicher angewandt?

Christine Clauß, Sächsische Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz: Politik braucht das Wissen und die Erfahrung der Apotheker, um gute Strukturen zu schaffen.

Friedemann Schmidt, Präsident der ABDA: Die ABDA wünscht sich die Unterstützung der Krankenhausapotheker bei der Etablierung der klinischen Pharmazie auch in der öffentlichen Apotheke. Er begrüßt eine enge Zusammenarbeit zwischen ABDA und ADKA: „Der Weg zum Patienten geht nur gemeinsam – im therapeutischen Team.“ An die Politik appellierte er, die Folgen politischer Projekte bis zum Ende zu durchdenken, damit man nicht wie der Zauberlehrling dastehe (die ich rief, die Geister…)