Leitlinie: Arzneimittelbedingte Leberschädigung

Hepatotoxizität ist als Typ B-Nebenwirkung pro Arzneimittel sehr selten – aber es gibt viele Arzneimittel, Phytopharmaka und Nahrungsergänzungsmittel mit hepatotoxischen Potenzial. Würde man alles vom Markt nehmen, was hepatotoxisch ist, bliebe kaum etwas übrig. Apotheker und Ärzte brauchen daher Kriterien zur Vermeidung, zur Erkennung und zum Management der Hepatotoxizität. Diese Kriterien finden sich in der neuen Leitlinie zur Bewertung und zum Umgang mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen auf die Leber (drug-induced liver injury, DILI) der European Association for the Study of the Liver (EASL).

Intrinsische versus idiosynkratische Mechanismen

Von einer idiosynkratisch en Reaktion spricht man, wenn diese nur bei prädisponierten Menschen auftritt, dann allerdings schon bei bestimmungsgemäßer Anwendung. Darum ist sie unvorhersehbar. Eine intrinsische Reaktion ist dosisabhängig und tritt erst bei sehr hoher oder sogar Überdosierung auf, dies aber bei jedem exponierten Menschen.

Bekannte Beispiele für intrinsisch hepatotoxische Wirkstoffe sind Amiodaron, anabole Steroide, Ciclosporin, Valproat, HAART-Wirkstoffe, Heparine und Paracetamol. Häufig eingesetzte idiosynkratisch hepatotoxische Wirkstoffe sind zum Beispiel Allopurinol, Amoxicillin (v.a. mit Clavulansäure), Diclofenac, Ibuprofen, Lisinopril oder Sulfonamide. Amiodaron und Statine können sowohl intrinsische als auch idiosynkratische lebertoxische Reaktionen hervorrufen.

Die meisten intrinsisch hepatotoxischen Wirkstoffe sind lipophil und werden hepatisch eliminiert. Aber nicht jeder Wirkstoff, der über die Leber verstoffwechselt wird, ist automatisch hepatotoxisch – eine häufig anzutreffende Fehlannahme! Voraussetzung für intrinsische Hepatotoxizität ist, dass bei der Metabolisierung ein reaktiver Metabolit entsteht, der in klinisch relevantem Ausmaß direkt vor Ort mit Leberproteinen reagiert, lokal oxidativen Stress verursacht oder Signalwege stimuliert, die Hepatozyten in den Zelltod befördern. Manche Menschen neigen zu einer HLA-gebundenen adaptiven Immunantwort auf sub-klinische Veränderungen in der Leber. Bei ihnen können die o.g. Wirkstoffe idiosynkratisch hepatotoxisch wirken.

Ursachensuche im Pflanzenreich

Einen hohen Anteil an den Fällen von intrinsischer Hepatotoxizität haben pflanzliche Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel. Besonders Pyrrolizidinalkaloide, die in mehr als 6.000 Pflanzenarten vorkommen, sind problematisch. Die Leitlinie empfiehlt daher, bei Patienten mit Verdacht auf arzneimittelbedingte Leberschädigung auch nach pflanzlichen Arzneimittel inkl. TCM und nach Nahrungsergänzungsmitteln zu suchen.

Laborparameter und ihre Bewertung

Alanin-Aminotransferase (ALT), Alkalische Phosphatase (AP) und Bilirubin sind wichtige Laborparameter zur Erkennung der Hepatotoxizität, wenn sie eines der drei folgenden Kriterien erfüllen:

  • ALT erreicht oder überschreitet das Fünffache des oberen Referenzwertes (Upper Limit of Normal, ULN),
  • AP erreicht oder überschreitet 2 x ULN, v.a. wenn der AP-Anstieg nicht durch knochenbedingte Prozesse zu erklären ist oder zugleich die Gammaglutamyltransferase (GGT) erhöht ist, ODER
  • ALT erreicht oder überschreitet 3 x ULN und Gesamtbilirubin 2 x ULN

Für Patienten, deren Leberwerte ohne pathologische Bedeutung von sich aus erhöht sind (z.B. Bilirubin beim Gilbert-Syndrom) werden statt der ULN die individuellen Basiswerte verwendet.

Wenn ein als potenziell hepatotoxisch bekanntes Arzneimittel angesetzt werden soll, ist es ratsam, zuvor die o.g. Parameter als Basiswerte zu bestimmen. Zu Beginn der Therapie (in den ersten 8-12 Wochen) sollten die Werte ebenfalls ca. im 2-Wochenabstand gemessen werden. Danach können Messungen seltener erfolgen, wenn keine der folgenden Veränderungen erkennbar waren.

Hepatotoxizität Grad 1
ALT ≤3 x ULN
AST ≤3 x ULN
Bili ≤1,5 x ULN
AP ≤2,5 x ULN
Adaptive Phase mit guter Chance, sich im Verlauf zu normalisieren; unkritisch, sofern ein immunologisches bzw. allergisches Geschehen mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann. Therapie mit engmaschigem Follow-up fortsetzen
Grad 2
ALT 3–5 x ULN
AST 3–5 x ULN
Bili 1,5–3,0 x ULN
AP 2.5–5,0 x ULN
Vermuteten Auslöser / Therapie pausieren, ALT, AST, Bilirubin, AP, INR und Albumin 2x wöchentlich monitorieren. Bei Normalisierung innerhalb von 2 Wochen kann die Therapie fortgesetzt werden, bestehen die Veränderungen länger, nicht.
Grad 3 oder 4
Grad 3
ALT 5–20 x ULN
AST 5–20 x ULN
Bili 3–10 x ULN
AP 5–20 x ULN
Grad 4
ALT >20 x ULN
AST >20 x ULN
Bili>10 x ULN
AP >20 x ULN
Vermuteten Auslöser und alle potenziell hepatotoxischen Therapien absetzen bis die Hepatotoxizität vollständig abgeklungen ist. ALT, AST, Bilirubin, AP, INR und Albumin täglich monitorieren. Patienten mit Bilirubin ≥ 2,5 mg/dl und/oder INR ≥1,5 sollten wegen des Risiko eines bevorstehenden Leberversagens ins Krankenhaus eingewiesen werden. Abgesetzte Wirkstoffe einzeln und unter Monitoring wieder starten, den vermuteten Auslöser nach Möglichkeit dauerhaft vermeiden, da eine zweite solche Episode oft eine schlechtere Prognose hat.

Welcher Wirkstoff als Auslöser verdächtigt werden sollte, hängt einerseits vom zeitlichen Zusammenhang ab, andererseits von der Art der Leberschädigung, die durch zusätzliche Diagnostik charakterisiert wird, und dem Mechanismus der fraglichen Wirkstoffe. Beides wird in der Leitlinie detailliert dargestellt. Das dritte Kriterium ist die An- oder Abwesenheit alternativer Auslöser für die beobachteten Veränderungen wie z.B. das Vorliegen einer Hepatitis.

Ist die Leberschädigung irreversibel, entsteht daraus eine Eliminationsstörung für Wirkstoffe mit hoher hepatischer Clearance. Wenn Sie mehr über diese Thema wissen möchten, sind Sie uns herzlich willkommen im Online-Seminar „Arzneimitteltherapie für Patienten mit Eliminationsstörungen“ (nächster Lauf 16.04.-13.05.). Dann geht es außerdem um die Niereninsuffizienz.

Quelle

EASL Clinical Practice Guidelines 2019: Drug-induced liver injury. Journal of Hepatology 2019; 70:1222–1261

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Kein Minimum beim Cholesterol

Die European Society of Cardiology (ESC) und die European Atherosclerosis Society (EAS) haben ihre Dyslipidämie-Leitlinie von 2016 aktualisiert [1].

Unverändert ist das Prinzip der Kopplung von Intensität der Lipidsenkung an das atherosklerotische kardiovaskuläre Risiko (ASCVD). Neben der geänderten Einordnung in die vier Risikogruppen haben sich auch die Behandlungsziele verschärft. Wir geben Ihnen hier eine kurze Zusammenfassung der Neuerungen.

Patienten mit sehr hohem ASCVD-Risiko

Hierunter fällt die Sekundärprävention bei Patienten mit diagnostizierter ASCVD (d.h. konkret: diagnostizierte Plaques, pAVK, stattgehabter Herzinfarkt, Koronarerkrankung, Schlaganfall, TIA oder erfolgte Eingriffe zur Revaskularisierung) oder einem 10-Jahres-ASCVD-Risiko von 10% oder mehr sowie die Primärprävention bei Diabetes mellitus mit Endorganschäden, bei schwerer Niereninsuffizienz (eGFR <30ml/min/1,73m²) oder bei Patienten mit familiärer Hypercholesterolämie und relevanten Risikofaktoren. Hinweise zur Berechnung des ASCVD-Risikos finden Sie in einem weiteren Blog.

Bei solchen Patienten soll das LDL-C mindestens halbiert bzw. auf einen Wert unter 55 mg/dl (1.4 mmol/l) gesenkt werden (je nachdem, welcher Wert niedriger ist). Kommt es innerhalb von zwei Jahren zu einem weiteren negativen vaskulären Ereignis, sollte das LDL-C sogar unter 40 mg/dl (1,0 mml/l) liegen

Zielwerte der anderen Risikogruppen

Bei hohem Risiko sollte um mindestens 50 % bzw. auf unter 70 mg/dl (1,8 mmol/l) reduziert werden (der kleinere Wert zählt auch hier). Bei moderatem Risiko wird als obere Grenze für den LDL-C-Wert 100mg/dl (2,6 mmol/l), für ein geringes Risiko 116mg/dl (3 mmol/l) empfohlen.

Medikamentöse Optionen:

Erste Wahl sind Statine in maximal verträglicher Dosis. Die Steigerung erfolgt mit einem Statin plus Ezetimib. Wenn auch das nicht reicht, um die Zielwerte zu erreichen, kann ein PCSK9-Inhibitor dazu gegeben werden.

Tabelle: Erreichbare Lipidänderung durch Statine mono und in Kombination

Therapie LDL-C-Senkung TG-Senkung HDL-C-Anstieg
Intensive Statintherapie (Atorva ab 40, Rosuva ab 20mg/d) ≥ 50% 10-20% 1-10%
Moderate Statintherapie (Atorva bis 20, Rosuva bis 10, Simva 20-40, Prava ab 40, Lova 40, Fluva 80, Pitava ab 2mg/d) 30-50%
Ezetimib 10mg/d 15-22% 8% 3%
Fibrate bis zu 20% 50% bis zu 20%
Cholestyramin (24g/d), Colestipol (20g/d) oder Colesevelam (4,5g/d) 18-25%   kein gesicherter Effekt
PCSK9-Inhibitoren 60% 26% 9%
Omega-3-Fettsäuren kein gesicherter Effekt bis zu 45% kein gesicherter Effekt

Zum Vergleich: nicht-medikamentöse Maßnahmen wie die Vermeidung gesättigter Nahrungsmittel-Fette, Erhöhung des Ballaststoff-Gehalts der Nahrung oder Reduktion des Körpergewichtes senken das LDL-C jeweils um 5-10% (Evidenzlevel A).

Unter einer lipidsenkenden Therapie sollten einige Laborparameter monitoriert werden. Welche das sind und wie auf Werte außerhalb der Referenzbereiche reagiert werden sollte, finden Sie ebenfalls in einem weiteren Blog.

Quelle

[1] 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias: lipid modification to reduce cardiovascular risk. Eur Heart J 2020; 41(1):111-188

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Monitoring bei lipidsenkender Therapie

Welche Werte sollen nach der aktuellen Dyslipidämie-Leitlinie [1] wann bestimmt werden, wenn Patienten eine lipidsenkende Therapie erhalten?

Vor Therapiebeginn:

  • Lipide, Alanin-Aminotransferase (ALT), Kreatinkinase (CK)

Etwa 8 Wochen nach Therapiebeginn oder einer potenziell kritischen Therapieänderung:

  • Lipide, ALT

Spätere Routinemessungen:

  • Lipide: jährlich

Indikationen für zusätzliche Messungen:

  • Anzeichen für Lebererkrankungen oder zusätzliche Fibrattherapie: ALT
  • Myalgie: CK
  • Statine in hoher Dosis oder ältere Patienten mit Risiko für Glucoseintoleranz: HbA1c, Glucose (regelmäßig)

Reaktion auf erhöhte ALT-Werte:

  • Weniger als auf das 3-fache des oberen Referenzwertes erhöht (< 3x upper limit of normal, ULN): Therapie fortsetzen, erneute Kontrolle in 4-6 Wochen
  • ≥ 3x ULN: lipidsenkende Therapie stoppen oder Dosis reduzieren, erneute Kontrolle in 4-6 Wochen. Falls Werte normalisiert, kann die lipidsenkende Therapie vorsichtig wieder begonnen werden. Falls Werte weiterhin erhöht, nach anderen Ursachen suchen.

Reaktion auf erhöhte CK-Werte:

  • < 4x ULN: Therapie fortsetzen, sofern keine Symptome (typischerweise v.a. symmetrische Schmerzen der proximalen Extremitäten, d.h. Hüftbeuger / Oberschenkel oder Schultergürtel, binnen 4 Wochen nach Therapiebeginn oder Dosiserhöhung, s. Algorithmus in [2]) auftreten. Bei Auftreten von Symptomen, diese und CK-Werte engmaschig verfolgen. Bei Persistenz der Symptome, Statin pausieren, erneute Überprüfung nach 6 Wochen, bei weiterhin zwingender Indikation dasselbe oder ein anderes Statin langsam aufdosieren, ggf. in Kombinationstherapie.
  • ≥ 4x ULN: Falls die Erhöhung unter 10x ULN liegt und keine Symptome auftreten, Therapie weiterführen und CK im Abstand von 2-6 Wochen erneut messen (Erhöhungen können auch andere Ursachen, z.B. starke Anstrengung oder Muskeltrauma, haben). Falls Symptome auftreten oder die Erhöhung 10x ULN oder mehr beträgt, Therapie stoppen, Nierenfunktion prüfen, CK bis zur Normalisierung alle 2 Wochen bestimmen. Bei weiterhin zwingender Indikation dasselbe oder ein anderes Statin langsam aufdosieren, ggf. in Kombinationstherapie.

Ausgenommen von diesen Empfehlungen und Grund für zusätzliche Messungen sind besondere Fälle, wie z.B. Verdacht auf unerwünschte Wirkungen.

Quellen

[1] 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias: lipid modification to reduce cardiovascular risk. Eur Heart J 2020; 41(1):111-188

[2] Laufs U et al.: Behandlungsoptionen bei Statin-assoziierten Muskelbeschwerden. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 748-55

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Das richtige Maß für die Nierenfunktion

Die MHRA empfiehlt [1]:

Für die meisten Wirkstoffe mit renaler Clearance und die meisten Patienten mit durchschnittlichem Körperbau und -gewicht kann die ‚estimated Glomerular Filtration Rate‘ (eGFR) zur Dosisanpassung verwendet werden, die inzwischen auf Laborberichten standardmäßig angegeben wird.

Für einige Wirkstoffe oder Wirkstoffgruppen bzw. Patienten sollte allerdings die Kreatininclearance nach Cockcroft & Gault für die Dosisanpassung verwendet werden:

  • direkte orale Antikoagulanzien (DOAKs)
  • Arzneimittel mit ausgeprägter renaler Clearance und geringer therapeutischer Breite (z.B. Digoxin, Sotalol)
  • Patienten, die nephrotoxische Arzneimittel anwenden (z.B. Vancomycin, Amphotericin B)
  • ältere Patienten (75 und älter)
  • Patienten mit unter- oder überdurchschnittlicher Muskelmasse (BMI <18 kg/m2 oder >40 kg/m2)

Die Dosierung der DOAK anhand der eGFR erhöht das Blutungsrisiko, da die Nierenfunktion tendenziell überschätzt wird. Dieses Risiko ist an Fallbeispielen und UAW-Meldungen belegt [1]. Das Risiko, die tatsächliche Nierenfunktion bei der Schätzung per eGFR zu überschätzen, steigt mit dem Alter: ab 65 Jahren war dies bei bis zu 28%, ab 85 Jahren bei bis zu 58% der Patienten der Fall [2].

Die Schätzung der Nierenfunktion ist mit Online-Rechnern wie www.nierenrechner.de oder https://www.mdcalc.com einfach möglich.

Quellen

[1] MHRA: Prescribing medicines in renal impairment: using the appropriate estimate of renal function to avoid the risk of adverse drug reactions. 18.10.2019. https://www.gov.uk/drug-safety-update/prescribing-medicines-in-renal-impairment-using-the-appropriate-estimate-of-renal-function-to-avoid-the-risk-of-adverse-drug-reactions [Zugriff 18.11.2019] [2] Wood S, et al. Application of prescribing recommendations in older people with reduced kidney function: a cross-sectional study in general practice. Br J Gen Pract 2018; 68: e378–e3879

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Info-Veranstaltung zum Masterstudium in Münster

Sie haben unsere Info-Abende zum Masterstudiengang Clinical Pharmacy Practice in Hamburg und München verpasst? Kein Problem – kommen Sie doch einfach am 9. Januar 2019 nach Münster.

Dann werden die Studienkoordinatorin der RGU, Ina Donat, und ich Ihnen von 14:30 Uhr bis 17:00 Ablauf, Inhalte und Aufgabenformate im Masterstudiengang vorstellen.

Wer ab Januar mit den Campus-Pharmazie-Veranstaltungen beginnt, hat die Möglichkeit, im Herbst 2019 die zweite Stufe an der RGU zu beginnen und das Studium Anfang 2021 abzuschließen. Achtung: Es geht bereits sehr früh im Jahr los: mit dem Seminar „Arzneimitteltherapie für Patienten besonderer Altersgruppen“ am 10. Januar 2019. Anmeldungen nehmen wir jederzeit gerne an.

Vielleicht werfen Sie auch einen Blick in unseren Veranstaltungskalender und überlegen schon einmal, welche Seminare für Sie am besten passen – inhaltlich und zeitlich. Zur Anrechnung im Masterstudium brauchen Sie drei Seminare:

Hinzu kommen zwei Fallworkshops und eine Hospitation. Aber das erzählen wir auch alles am 9. Januar, 14:30 Uhr bis 17:00 Uhr in Münster in der Bismarckallee 25. Ihre Anmeldung wird zwecks Planung erbeten über die Apothekerkammer Westfalen-Lippe.

Ich freue mich, Sie dort begrüßen zu können.

Mit herzlichem Gruß

Dorothee Dartsch

Bildnachweis: © CaP Campus Pharmazie GmbH

Hyponatriämie

Zu wenig Natrium?

Natrium regelt den Flüssigkeitshaushalt und ist ein essenzieller Mitspieler beim Aufbau von Transmembranpotenzialen, die neuromuskuläre Funktionen ermöglichen.

Patienten, die zu geringe Natriumkonzentrationen im Blut haben, haben Kopfschmerzen, sind häufig verwirrt, rastlos, reizbar, müde und schnell erschöpft und leiden unter Übelkeit und Erbrechen. Bei sehr niedrigen Konzentrationen kommen Krämpfe, Krampfanfälle und Koma hinzu.

Hyponatriämie als unerwünschte Arzneimittelwirkung

Bevor es so weit kommt, sollte gerade bei älteren Patienten unter Polymedikation ein Blick auf die Arzneimittelliste geworfen werden, denn etliche Wirkstoffe können zur Hyponatriämie führen:

Psychopharmaka:

  • Amitriptylin
  • Desipramin
  • Haloperidol
  • Thioridazin
  • Trifluoperazin
  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (v.a. bei älteren Patienten)
  • MAO-Hemmer
  • Clozapin

Diuretika:

  • Thiazide
  • Schleifendiuretika
  • Amilorid

Krebstherapeutika:

  • Vincristin
  • Vinblastin
  • Platinpräparate
  • Cyclophosphamid
  • Iphosphamid
  • Melphalan
  • Methotrexat
  • monoklonale Antikörper
  • IFN alpha und gamma
  • Bortezomib
  • etliche Tyrosinkinasehemmer
  • Thalidomid

Antiepileptika:

  • Carbamazepin
  • Oxcarbazepin
  • Lamotrigin
  • Valproat

Antiinfektiva:

  • Trimethoprim-Sulfamethoxazol
  • Ciprofloxacin
  • Rifabutin
  • Amphotericin

Weitere:

  • ACE-Hemmer
  • NSAIDs
  • Sulfonylharnstoffe
  • Amiodaron
  • Theophyllin
  • Protonenpumpenhemmer

Findet man bei Patienten mit den genannten Symptomen und Natriumwerten unter dem Referenzbereich einen medikamentösen potenziellen Auslöser, besteht der therapeutische Ansatz in dessen Absetzen und ggf. Ansetzen einer therapeutischen Alternative.

Die Interpretation von Laborparametern ist ein wichtiges Instrument zur Steuerung und Optimierung von Arzneimitteltherapien.

Quellen

Laborlexikon.de: Natrium im Serum

SIDER: Hyponatremia

D Liamis et al., A Review of Drug-Induced Hyponatremia. American Journal of Kidney Diseases 2008, 52(1): 144-153

Fourlanos & Greenberg, Managing drug-induced hyponatraemia in adults. Aust Prescr: 2003;26:114-7

Braun et al., Diagnosis and Management of Sodium Disorders: Hyponatremia and Hypernatremia. Am Fam Physician. 2015, 91(5): 299-307

Bildnachweis: © Pixelot / Fotolia.com

Anämie im Alter

Bei Senioren, die in der Apotheke über Beschwerden wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Schwindel, Orthostase, Abnahme der kognitiven Leistung, Appetitmangel klagen, auch ein eine Anämie denken [1].

In hohem Alter können Anämien über die genannten belastenden Symptome hinaus mit verschlechterter Herzinsuffizienz, Mobilitätseinbußen, erhöhtem Sturzrisiko, Einschränkungen in der Alltagsbewältigung, verzögerter  Wundheilung, verringerte Lebensqualität und gesteigerter Mortalität verbunden sein.

Da Anämien nicht zu den altersphysiologisch zu erwartenden Veränderungen gehören, ist es wichtig, ihrer Ursache auf den Grund zu gehen und sie gezielt zu behandeln. In ca. 80% der Fälle lässt sich die Ursache identifizieren [1]. An den restlichen Fällen ist möglicherweise eine latente, generalisierte Form der Entzündung beteiligt, die als „Inflammaging“ bezeichnet wurde [2].

Anämie-Ursachen und wie man sie erkennt

Mit 30-45% ist die Anämie chronischer Erkrankungen die häufigste Form. Sie tritt als Begleiterscheinung z.B. von Entzündungen (z.B. rheumatoide Arthritis, Colitis ulcerosa, M. Crohn, Polymyalgie), chronischen Infektionen (Tuberkulose, chron. Harnwegsinfekte), Autoimmunerkrankungen, Tumoren, Myelodysplastischem Syndrom oder Niereninsuffizienz auf. Betrachtet man die Symptome als „Alterserscheinungen“, verpasst man u.U. den frühzeitigen Beginn einer kausalen Therapie [3].

Eisenmangel ist für etwa 15-30% der Anämien im Alter verantwortlich [1]. Drei Laborparameter erlauben die Abschätzung ihres Stadiums: Ferritin (gibt Füllungszustand der Eisenspeicher), Retikulozyten (gibt Auskunft über die Knochenmarkkapazität für die Neubildung von Erythrozyten) und Hämoglobin (Hb; gibt zusammen mit Erythrozytenparametern Auskunft über Zahl und Eisengehalt der Erythrozyten). Wenn der Eisenverlust die Eisenzufuhr übersteigt, sinkt zunächst das Ferritin, Retikulozyten und Hb sind noch normal. Nimmt infolge weiteren Mangels die Erythropiese ab, sinkt auch die Zahl der Retikulzyten, das Hb ist noch normal. In der echten Eisenmangelanämie befinden sich alle drei Parameter unter dem Normalbereich.

Weitere 5-10% der Anämien gehen auf das Konto des Folat- oder Vitamin B12-Mangels [1]. Sie gehören zu den makrozytären Anämien, bei denen das MCV (mean corpuscular volume) erhöht ist.

In gleicher Größenordnung liegend die blutungsbedingten Anämien [1]. Gerade bei Älteren ist hier an unerwünschte Wirkungen von ASS und anderen Thrombozytenaggregationshemmern, oralen Antikoagulazien, NSAR oder SSRI zu denken [3]. Bei blutungsbedingten Anämien haben die Erythrozyten ihre physiologische Form (MCH, MCV sind normal), die Zahl der Retikulozyten ist als Zeichen des Regenerationsversuchs erhöht, solange die Knochenmarkreserven und der Substratvorrat ausreichend sind.

Behandlung

Die Anämie chronischer Erkrankungen kann nur indirekt über die Therapie der ursächlichen Erkrankung behandelt werden. Symptomatisch kann Erythropoietin helfen.

Bei Substratmangel müssen Eisen, Folsäure oder / und Vitamin B12 supplementiert werden, s. dazu Leitlinie Eisenmangelanämie [4]. Der Erfolg lässt sich zuerst am Anstieg der Retikulozyten messen, danach am Rückgang der Symptome.

Falls das Blutbild auf eine Blutungsanämie schließen ließ und sich durch die Supplementierung mit Substraten zwar die Retikulozytenzahl erhöht, die Symptome aber bestehen bleiben, ist zu vermuten, dass die Blutung weiterbesteht und noch gestoppt werden muss – im Falle einer arzneimittelbedingten Blutung durch Ersetzen des potenziell ursächlichen Arzneistoffs.

Quellen

[1] DL Smith: Anemia in the Elderly. Am Fam Physician. 2000 Oct 1;62(7):1565-1572

[2] G Röhrig: Anemia in the frail, elderly patient. Clin Interv Aging. 2016; 11:319-26

[3] J Zeeh: Anämie im Alter: In drei Schritten zum Ziel. MMW Fortschritte der Medizin 2016,  20(158): 59-64

[4] S1-Leitlinie Eisenmangelanämie, 2016

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